Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 7: Dolce Vita für Fortgeschrittene im westlichen Mittelmeer!

Illustration: Boris Noruschat

Folge 7: Dolce Vita für Fortgeschrittene im westlichen Mittelmeer!

Meinen aktuellen Liegehafen Barcelona finde ich toll. Das liegt sicher auch daran, dass wir Kreuzfahrtschiffe aufgereiht wie auf einer Perlenschnur liegen und ich am dichtesten an der Stadt. Die großen Kolleginnen liegen alle hinter mir und sind neidisch, das habe ich jedenfalls in ihren Gesprächen belauscht.

Mit mir hat keine das Gespräch gesucht, schade, aber ich habe auch mit meinen Passagieren und meiner Crew genug Unterhaltung. Noch bevor alle Passagiere der Rund-um-Westeuropa-Kreuzfahrt von Bord gehen, trifft der ersehnte Obstlaster endlich ein. Dabei geht meine letzte Kreuzfahrt mit Sicherheit als die „Gemüse-Tour“ in meine junge Geschichte ein. Der Food & Beverage Manager findet sich genauso wie der Chefkoch zur Ankunft des Lasters an der Pier ein. Sie klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und wirken erleichtert. Der Alltag kehrt zurück in die Küche und an meine Bars.

Grimaldi an Bord?

Pünktlich lege ich am Abend ab. Ich bin die Erste, die den Hafen verlässt und schenke den Mädels, die noch liegen, immerhin ein freundliches, wenn auch kurzes Tuten. Sie antworten zumindest, vermutlich aus reiner Höflichkeit. Am nächsten Morgen staune ich nicht schlecht, als ich in den Hafen von Monaco einlaufe. Ich sehe Jachten im Hafen liegen, die vermutlich Millionen wert sind und an Land einige Häusertürme, in denen die Immobilienpreise unerschwinglich sein müssen. Ich liege in einem echten Fürstentum, das finde ich cool. Unser Lektor hat es meinen Passagieren gestern Abend genau erklärt. Das ging von Grace Kelly bis zum amtierenden Fürsten Albert II. Heute kommt eine Delegation des Fürstenhauses an Bord und ich bekomme meine Erstanlaufplakette überreicht. Ich hatte ja gehofft, Charlene würde zumindest kommen, doch es ist dann nur der persönliche Assistent des Fürsten. Meine weiblichen Passagiere machen alle einen langen Hals, als die Delegation am Hafen eintrifft und wandern dann enttäuscht in die nahe Stadt. Hatten die wirklich gedacht, Albert kommt? Der ist außerdem endlich unter der Haube und vergeben. Ich finde den Assistenten sympathisch. Er lässt sich meine Brücke zeigen und danach haut mein Kapitän persönlich an der Rezeption den Nagel in eine meiner Wände, um die Erstanlaufplakette aufzuhängen. Helga applaudiert und lädt den Gast zum Mittagessen ein, was er gern annimmt.

Capri c’est fini

Am nächsten Tag erreiche ich Italien und in den Häfen von Portofino, Civitaveccia und Capri erleben meine Passagiere „Dolce Vita“ pur und das bei schönstem Wetter. Vor Portofino liege ich auf Reede und meine Gäste müssen tendern. Das klappt aber ganz gut. Ich drehe mich an der Ankerkette hin und her und versuche Blicke in diese kleine Bucht zu erhaschen. Das Wasser ist türkisfarben und bietet einen schönen Kontrast zu den beigen Häusern, die in der Sonne glitzern. Die grünen Markisen vor den Geschäften und Restaurants bieten Sonnenschutz. Der Hafen von Civitaveccia ist viel größer und ich bin mehr oder weniger den ganzen Tag verwaist, denn meine Passagiere fahren fast alle ins nahe Rom. So nutzt meine Reinigungscrew den langen Aufenthalt bis 22 Uhr, um mal wieder alle meine Fenster gründlich zu putzen, was auch dringend nötig ist. Ihre Schwämme kitzeln immer ein wenig, aber ich halte brav still. In Capri tendern wir auch. Meine Gäste müssen aber wegen einer Vorschrift die örtlichen Boote als Tender nutzen. Wir haben ein wenig Seegang und die offenen Boote, die natürlich später auch in die Blaue Grotte fahren, kippeln gewaltig. Glücklicherweise fällt niemand ins Wasser und alle Passagiere erreichen mich wieder pünktlich und unversehrt zum Auslaufen. Mein DJ Mike macht sich bei der „weißen Auslaufparty“ einen kleinen Spaß und spielt das Lied mit dem einst Hervé Vilard berühmt wurde, Sie wissen schon. Alle Gäste singen aus vollem Hals mit und ich stelle mal wieder fest, wie wunderbar die Stimmung – speziell am Abend – auf meinem Pooldeck ist.

Pizza – Polenta – Venezia!

Nach zwei Seetagen erreichen wir Venedig. Früh am Morgen um 6 Uhr schüppere ich (ha!) am Markusplatz vorbei, der noch menschenleer ist. Meine Decks dagegen sind mit Passagieren stark bevölkert. Die Stadt der Liebe beschert meinen Gästen 30 Grad und wer es sich finanziell erlauben kann, der fährt lieber mit dem eigenen Wasser-Taxi anstatt mit den überfüllten Vaporetti, den Linienschiffen, vom Kreuzfahrthafen in die Stadt. Venedig riecht irgendwie nicht gut, das merke ich gleich bei der Einfahrt. Leider duftet es aus meiner Küche am Abend auch nicht einwandfrei. Der stellvertretende italienische Küchenchef, der aus Venedig stammt, hat mehrere Pfannen gefüllt mit Kalbsleber anbrennen lassen, weil er mit seiner „Mamma“ telefoniert, die wissen will, wann sie ihm morgen beim Auslaufen zuwinken kann. Der Chefkoch wirft nur einen Blick auf das disastro und kippt alle Pfannen nacheinander über dem Mülleimer aus. Kurzerhand streicht er das Gericht von der Speisekarte und herrscht seinen Untergeben an: „Mach Pizza, aber rapidamente.“ Die Pizza ist zwar nicht typisch venezianisch, aber das ist ihm egal. Das Schreibbüroteam ist wenig begeistert, kurzfristig noch mal mehr als 100 Speisekarten für den Abend umschreiben zu müssen. Währenddessen fragt sich der Küchenchef, was er nun mit den Bergen an Polenta anfängt. Die passt nicht zu Pizza und so kommt es, dass es in der Crewmesse heute Polenta mit zerlassener Butter und Parmesan gibt und oben im Passagierbereich Pizza! Die Crew freut sich und die Passagiere, die an Bord geblieben sind, wir liegen nämlich Overnight, denken voll Häme an die Mitreisenden, die am Abend extra von Bord gegangen sind, um in der Stadt Pizza zu essen. Das haben sie an Bord bei mir umsonst, außerdem die Kosten für den Transfer gespart und ja, der Wein am Abend zum Essen ist bei meiner Rederei auch im Reisepreis inkludiert. Die Rückkehrer später sind dann auch wenig begeistert. Zu den immensen Pizza-Preisen in den Restaurants rund um den Markusplatz kam auch noch der Preis für das Gedeck, genannt Coperto, hinzu: Das ist das Besteck, die Serviette und ein paar Stangen Grissini, mürbe Brotstangen aus Hefeteig. Ein älteres Paar klagt Helga ihr Leid. Für zwei Pizzen mit je einem Viertel Rotwein und Coperto hätten sie am Ende 100 EURO bezahlt. Ich begreife, dass Venedig seinen Preis hat.

Die durchnässte Seekarte

Ab Venedig beginnt eigentlich die Rückreise in Richtung des Ausgangshafens Barcelona. Aber wir stoppen noch in Dubrovnik, Kroatien, und Kotor, Montenegro. Die alte Stadt Dubrovnik schaut mit ihren Festungsmauern interessant aus. Mein Lektor hat den Gästen erzählt, dass ihre Gründung ins 7.Jahrhundert zurückgeht, wow, ist das lange her. Ich liege vor der Insel Lokrum auf Reede und kann schön auf die alten Stadtmauern schauen. Richtig toll gefällt am nächsten Tag – und nicht nur mir – Kotor. Der Fjord ist 30 Kilometer lang und steile Bergwände säumen seine Küste. Ich komme mir vor wie nach Norwegen zurückversetzt. Als wir am Abend auslaufen, ist die Klosterinsel Eveti Dorde, die mitten im Wasser liegt, ein beliebtes Fotomativ. Helga ist bei mir auf der Brücke und auch sie macht begeistert Fotos mit ihrem Handy. Mein Kapitän arbeitet zwar hochkonzentriert, sieht aber sorgenvoll drein und spricht kein Wort. Das fällt schließlich auch Helga auf, die ihn schweigsam gar nicht kennt. „Stimmt was nicht?“, will Helga schließlich wissen. „Bei der nächsten Reise kommt der Reeder persönlich an Bord“, ist seine Antwort. Der Erste Offizier zuckt merklich zusammen. „Ach“, macht Helga. „Er will mit uns die Weltreise besprechen“, fährt der Kapitän fort. „Oh, wir machen eine Weltreise?“, tut Helga überrascht. Nun lacht der Kapitän und haut seiner Chefstewardess freundlich auf die Schulter: „Das wissen sie doch längst!“ Helgas Lachen ist glockenhell und als sie laut überlegt, ob die Reederstochter ihren Vater wohl begleiten wird, verschüttet der Erste seinen Becher Kaffee vor Schreck quer über die Seekarte, wo er gerade die aktuelle Position markieren will. Kopfschüttelnd geht Helga zum Waschbecken und kommt zurück mit einem Lappen. Ich freue mich schon auf unsere Ankunft in Barcelona. Die Routenbesprechung der Weltreise wird bestimmt interessant und die Ziele der nächsten Kreuzfahrt, die mich ins östliche Mittelmeer führt, klingen auch vielversprechend.Ob die letzten Tage an Bord für den Ersten Offizier begonnen haben?

 

 

 

 

Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein