Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt!

Illustration: Boris Noruschat
Illustration: Boris Noruschat

Folge 1: „Die Geburt in der Papenburger Meyerwerft“

Es ist der 7. März und damit „mein“ großer Tag. Ich darf endlich raus in die Welt! Fast acht Monate lag ich nun schon in dieser Halle an der Ems. Gut, ich wuchs und wuchs, das freute mich auch irgendwie. Vor einigen Wochen wurde ich erstmals „aufgeschwemmt“ oder wie die Menschen das nennen. Im Grunde bedeutet es, dass Wasser unter meinen Rumpf gepumpt wurde, da der Werftchef sehen wollte, ob ich auch schwimmen kann. Ich bin ein Schiff, natürlich kann ich schwimmen, hallo?

Vielleicht sollte ich mich den Lesern erstmal vorstellen?

Ach, Sie kennen mich noch nicht? Wie auch, bisher lag ich in dieser Halle, aber meine Reederei hat mich schon mit tollen Kreuzfahrten für dieses Jahr beworben und erste Bilder gezeigt. Gestatten, ich bin die MS Schüppy, ein kleines, klassisches Kreuzfahrtschiff, das so ungeduldig auf den Tag seiner Geburt gewartet hat. Ich habe Platz für 400 Passagiere und verfüge über alle Annehmlichkeiten, die ein Passagier sich wünscht. Ich habe ein tolles Heck in Stufenform, das mit Teakholz ausgestattet ist und mit seiner Bar den künftigen Gästen wunderschöne Aussichten bieten wird. Ich habe gleich drei Sonnendecks mit Liegen und natürlich auch einen – zugegeben – kleinen Außen- und Innenpool. Speisen können die Gäste später zu den Mahlzeiten entweder in meinem Restaurant mit einer Menüauswahl oder in meinem Buffetrestaurant. Je nachdem wie sie es mögen und – bei mir herrscht freie Platzwahl! Meine Reederei legt nämlich größten Wert auf das Wohl der Gäste. Welcher Kreuzfahrtgast will schon jeden Tag an einem bestimmten Tisch und zu einer festgelegten Uhrzeit sitzen und essen? Dann habe ich natürlich auch noch eine Bibliothek, eine Sauna, einen Spieleraum und eine Internet-Ecke. Und jetzt kommt das Tollste: Ich habe eine große Lounge für Showvorführungen und darüber hinaus vier Bars! Ich finde, dass ich damit sehr gut ausgestattet bin.

Bunt ist schön, aber Klassiker bleibt Klassiker!

In diesem Jahr kreuze ich zunächst in Europa umher, aber als der Reeder neulich an Bord war, habe ich deutlich gehört, dass er mit meinem künftigen Kapitän über eine Weltreise gesprochen hat. Die kleine Schüppy auf allen Meeren dieser Erde, na, das wäre was! Vor einiger Zeit lag ich während der Bauphase neben einem großen Kollegen, der das 15. Schiff seiner Reederei wird. Der hat über mich und meine Ausstattung immer nur gelacht. Wird er doch eine Rutschbahn, einen gläsernen Skywalk und über 20 Bars an Bord bekommen. Sein Outfit, also seine Außenhaut, fand ich ein wenig grenzwertig. Er wurde mit der Zeit so bunt bemalt, dass mir schon meine Augen, die sich kurz unterhalb meiner Brücke befinden, wehtaten. Ich bin schlicht weiß und mich ziert nur ein roter Streifen, der einmal um meinen kompletten Schiffskörper herumreicht. Das finde ich elegant, ebenso wie dieses rote „S“, das meinen Schornstein ziert. So ein wenig dezent und Understatement, Sie wissen schon, was ich meine? Ich bin doch ein Klassiker!

Endlich ist es soweit: Die MS Schüppy verlässt die Werfthalle der Meyer Werft in Papenburg. Illustration: Boris Noruschat
Endlich ist es soweit: Die MS Schüppy verlässt die Werfthalle der Meyer Werft in Papenburg. Illustration: Boris Noruschat

Nicht immer kommt es auf die Größe an!

Na, jedenfalls waren die Besucher der Werft, die in den letzten Monaten zu Besuch kamen, immer ganz verzückt von mir, wenn auch manche erst dachten, ich wäre nur das Rettungsboot des großen Kollegen. Aber mein Name steht ja stolz hinten auf meinem Heck. Oft hörte ich Ausrufe wie: „Ach, die ist ja niedlich.“ Dann verfolge ich Gespräche der Besucher, die sich oft darum drehen, ob ich für eine Reise für eine Woche nicht vielleicht zu klein wäre. Aber oft ist ihnen der riesige Kollege nebenan auch zu groß. Diese Kreuzfahrer sind ein lustiges Völkchen, das habe ich schon gleich gemerkt. Meine Spannung steigt, sie nun alle kennenzulernen. Die Werftzeit ist jetzt vorbei, gleich darf ich endlich raus.

Wer mich abschleppt, bestimme ich selbst.

Das Tor ist bereits geöffnet und mein großer ‚Freund’ nebenan sagt: „Ich wünsche dir allzeit gute Fahrt, hoffentlich schluckt dich nicht eine dieser neuen Monsterwellen. Die werden bei mir nicht mal bis zu Deck 4 hinaufreichen.“ „Danke“, gebe ich artig zurück und freue mich schon, wenn wir uns in Kopenhagen in einigen Wochen wiedersehen werden. Das hat neulich ein Besucher erzählt. Das war so ein Fotograf, den die Reederei engagiert hat, um Fotos für die Internetseite zu machen. Der wusste alles über Kreuzfahrten und eben auch, wann sich die Schiffe, die hier nebeneinanderliegen, das nächste Mal in freier Wildbahn wiedertreffen. Ich fand den ganz nett, wenn ich auch verwundert zusah, als er sich auf meinem Vordeck, das später nur für die Crew zur Verfügung stehen wird, auf den Boden legte, um einen meiner Poller aus der angeblich optimalen Perspektive abzulichten. In Kopenhagen hoffe ich mit meiner Größe den besten Liegeplatz nahe der Stadt zu ergattern. Dann würde ich dem großen Kollegen mal eine lange Nase machen. Wenn alles klappt, dann wird er nächste Woche die heiligen Werfthallen verlassen. „Die Ems kannst du mit deiner Größe kaum versperren“, setzt er nach, „ansonsten schleppe ich dich nächste Woche ab.“

Was wollen bloß diese ganzen Menschen hier?

So langsam reicht mir diese Arroganz und ich beginne mich auf das Ausdocken aus der Werfthalle zu konzentrieren. Neben meinem Kapitän sehe ich den Reeder auf der Nock stehen. Der hatte damals vor acht Monaten höchstpersönlich eine Münze unter meinen Kiel gelegt. Stolz winkt er den ersten Presseleuten zu, die sich bereits in der Halle tummeln. Natürlich bleibt das dem Kollegen neben mir nicht verborgen. „Wir sehen uns in Kopenhagen, mein Lieber“, raune ich ihm würdevoll zu und dann setzt mich mein Kapitän auch schon in Fahrt. Ich schüttle mich ein wenig und gleite Meter um Meter aus der Werfthalle. Draußen scheint die Sonne an diesem Frühjahrstag und taucht meine weiße Farbe bestimmt in ein wunderbares Licht. Erst ist nur mein Bug zu sehen, den an Back- und Steuerbord ein großer schwarzer Anker ziert und der mit ein wenig Fantasie wie ein Lächeln wirkt. Ich kann noch nichts sehen, aber als meine Augen das erste Mal sichtbar für die Welt da draußen werden, bin auch ich ganz sprachlos. Das Hafenbecken ist mit Menschen übersät und ich begreife, dass sie meinetwegen gekommen sind. Viele winken mir zu. Ich kann erkennen, dass einige Menschen mit Gläsern, die mit Flüssigkeiten gefüllt sind, anstoßen. Ob das meine zukünftigen Gäste sind? Nun werde ich richtig aufgeregt. Im Gegenteil zu meinem Kapitän. Weiter fährt er mich Zentimeter um Zentimeter aus der Halle. Ich schaue nach links und sehe in der ersten Reihe unendlich viele große Wagen stehen. „Die Wohnmobilfraktion ist komplett angereist“, sagt der Kapitän zum Reeder. Dieser lächelt glücklich und gibt zur Antwort: „Ist ja auch mal spannend, ein kleineres Schiff beim Ausdocken zu beobachten.“ Mein Kapitän nickt. Ich überlege derweil noch, was das ist, ein W-o-h-n-m-o-b-i-l? Ein Auto, in dem man wohnt? Aber dafür gibt es doch Häuser und auf mir als Schiff Kabinen. Und mitnehmen können sie dieses auch nicht, wenn sie mit mir reisen, ich bin schließlich keine Fähre. Was machen sie also hier? Ich stelle fest, dass ich noch viel über die Menschen zu lernen habe und ich freue mich darauf.

 

Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein