Brina Stein’s neue Kolumne: Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt!

In Hamburg kommen die ersten Gäste an Bord der MS Schüppy. Foto/Illustration: Boris Noruschat
In Hamburg kommen die ersten Gäste an Bord der MS Schüppy. Foto/Illustration: Boris Noruschat

Folge 2: „Expialarm an Bord!“

Ich liege in Hamburg am Terminal der HafenCity und warte auf meine ersten Kreuzfahrtgäste. Hinter mir liegen aufregende Wochen.

Zunächst wurde ich in Papenburg mit den ganzen Utensilien wie Geschirr und Möbeln ausgestattet, dann ging es auch schon zur Schiffsüberführung auf die Ems. Anders als meine großen Kollegen konnte ich diese vorwärtsfahrend absolvieren. Ich bin eben klein, aber fein. Am Ufer und auf den zahlreichen Brücken standen immer wieder Menschen, die mir aufgeregt zugewunken haben und mein Kapitän ließ es sich nicht nehmen, so oft wie es ging, ein paar Töne aus meinem weißen Schornstein, den ein rotes ‚S‘ ziert, per Knopfdruck auszustoßen.

Was sind eigentlich „Expis“ und warum kommen die an Bord?

Auf meiner Brücke findet immer morgens um 10 Uhr das tägliche Abstimmungsgespräch zwischen der Kreuzfahrtdirektorin Helga und meinem Kapitän statt. Da höre ich stets genau zu, denn ich habe ja noch so viel zu lernen. Heute Morgen erfuhr ich, dass meine ersten Passagiere, die noch vor der Jungfernfahrt an Bord kämen, „Expis“ wären. Zwei Nächte würden sie bleiben, um mich kennenzulernen. Eine richtige Route würde es nicht geben, wir würden einfach nur ein wenig auf der Nordsee herumdümpeln und nach zwei Nächten wieder in Hamburg festmachen. Ich fragte mich nach dem Sinn dieser Reise, zumal ich noch nicht einmal getauft war. Dies würde erst am Abend vor der eigentlichen Jungfernfahrt in Hamburg erfolgen. Die hübsche Tochter des Reeders, die mich während meiner Werftzeit häufiger besuchte, war als Taufpatin auserkoren worden. Darauf freute ich mich schon, wenn es auch bestimmt wehtut, eine Flasche an den Bug geworfen zu bekommen.

   Ich befinde mich in tadellosen Zustand. Alle meine Kabinen sind frisch gereinigt, die Salons gesaugt und nur hier und da huscht noch ein Maler mit einem Farbeimer herum. Obwohl es erst April und das Wetter heute Morgen in Hamburg leider regnerisch ist, sind alle meine bequemen Liegen aus echtem Teakholz ausgepackt, aufgebaut und auf den Sonnendecks hübsch drapiert.

Es kommt Leben auf mein Schiff!

Ich sehe, dass der erste Bus am Kreuzfahrtterminal hält und seine Insassen nach und nach herausklettern. „Kommen Sie, Helga, wir gehen an die Gangway und begrüßen die Expedienten persönlich“, sagt mein Kapitän und setzt seine Mütze auf, wie immer, wenn er die Brücke verlässt. Sie folgt ihm und antwortet: „Richtig, es ist wichtig, dass die Reisebüros uns ab dem ersten Moment positiv wahrnehmen.“ Nun kapiere ich es, die Reederei hat die Menschen eingeladen, die mich später für eine Buchung ihren Kunden empfehlen sollen. Neugierig linse ich mit meinen Augen, die sich unterhalb der Brücke befinden, auf den Kai. Diese Expis scheinen noch sehr jung zu sein und sehr schnell. Ihr Check-in hat keine fünf Minuten gedauert und ich sehe die ersten schon die Gangway hinauflaufen, bevor der Kapitän diese erreicht hat. Bei ihrem Eintreten höre ich Sätze wie: „Huch ist die klein, ich habe sie erst gar nicht hinter der Halle gesehen“ oder: „Ob die heute Nacht auf der Nordsee wackelt?“ Und dann die Frage an die Kreuzfahrtdirektorin, die auch endlich eintrifft: „Rutschen hat das Schiff aber keine, oder?“ Helga schüttelt mit dem Kopf und empfiehlt meine Whirlpools. Schon nach nicht mal zwanzig Minuten sitzen dort trotz der kühlen Temperaturen auch schon die ersten Gäste drin. Dabei laufen doch genau jetzt die ersten Schiffsrundgänge, die meine versierten Reiseleiter durchführen. Na ja, meine Expis sind sicher größere Pötte gewohnt und werden sich nicht verlaufen.

Der erste Sonnenaufgang an Bord.

Nach dem Abendessen, das die Passagiere wahlweise im À-la-carte- oder Buffetrestaurant einnehmen können, legen wir ab und auf meinen Decks findet die erste Auslaufparty statt. Ich bin so stolz und verlasse Hamburg mit einem Lächeln auf meinen Lippen. Die Expis finde ich cool. Nachdem sie sich ausgiebig gestärkt haben, sind sie nun richtig in Feierlaune und umringen meinen Musiker, der zum Abschied auf seinem Akkordeon „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise“ spielt und klatschen wie wild. Meine lieben Kellner kommen mit dem Ausschank kaum nach. Die erste Party auf mir. Ich bemühe mich auch später, als wir die Nordsee erreichen, möglichst nicht zu stark zu schaukeln. Das gelingt mir ganz gut und ich staune, denn die letzten Passagiere gehen erst in den frühen Morgenstunden in ihre Kabinen. Dafür sind die ersten schon morgens um 5 Uhr wieder auf den Beinen. Sie belohnt ein wirklich sensationeller Sonnenaufgang, während sie einen Becher Kaffee am Heck genießen. Wie sehr freue ich mich darauf, diese Welt nun bereisen zu dürfen.

Wer auf mir fährt, ist König

Der Seetag verläuft sehr geruhsam. Da die Sonne scheint werden sogar meine Liegestühle benutzt. Es herrscht eine harmonische Stimmung an Bord und mein Kapitän und Helga, die sich immer wieder unter das Volk mischen, sehen entspannt und zufrieden aus. Die Crew hat gut zu tun, aber das ist normal an einem Seetag, denke ich mir. Zum Nachmittagskaffee gibt es frische Waffeln mit einer Kugel Vanilleeis und Erdbeersoße hinten im Buffetrestaurant an meinem Heck. Freudig schlagen die Expis zu. Was die alles essen können! Ich bin sehr verwundert. Aber, die ersten Freunde scheine ich schon gefunden zu haben, denn ich höre, dass sie ausnahmslos positiv über mich reden. „Wer auf die MS Schüppy geht, der kommt immer wieder, denn hier ist der Passagier wirklich noch König bei dem tollen Service. Und ihre Routen sind einzigartig“, höre ich einen älteren und bestimmt sehr erfahrenen Mann der Reisebranche sprechen. Die Leute, die um ihn herum sitzen, nicken zustimmend. Ich freue mich und schlackere ein klein wenig mit dem Bug. Irgendwie müssen meine Emotionen auch mal raus.

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben!

Auch der zweite Abend dieser Reise endet in einer fröhlichen Party an meinem Heck. Atemlos durch die Nacht tanzen die Expis, als gäbe es keinen Morgen mehr. Mir kommt es vor, als ob Helene Fischer diesen Song nur für heute Abend singt. Es passt! Schon längere Zeit beobachte ich einen Mann und eine Frau, die auf meinem obersten Deck stehen. Sie kamen jeweils allein an Bord, aber nun legt er den Arm um sie und es gibt einen zaghaften ersten Kuss. Ich seufze und freue mich mit ihnen. Falls diese Beziehung Bestand haben wird, buchen sie mich sicher zu ihrer Hochzeitsreise. Mein Kapitän darf nämlich auch Trauungen durchführen. Momentan sieht es gut aus, denn die Zwei verschwinden Arm in Arm in Richtung einer meiner Kabinen. Ich lasse sie nun aber allein, denn ich schätze die Privatsphäre meiner Gäste. Auf dem Pooldeck spielt der DJ weiter Schlager. Das kommt gut an, selbst bei der jungen Klientel!

Zurück in Hamburg!

Sehr früh am Morgen nähere ich mich wieder der Hansestadt Hamburg. Langsam schiebe ich mich bei starkem Nebel die Elbe hinauf. Es ist 5 Uhr morgens und „meine“ Expis schlafen heute ausnahmslos alle noch. Nach einem guten Frühstück werden sie mich in wenigen Stunden verlassen müssen. Doch vielleicht kommt der eine oder andere wieder oder verkauft meine wundervollen Reisen. Das wäre super. Ich verstehe gar nicht, warum mein Kapitän und Helga Befürchtungen vor dieser Reise hatten. Die Jungs und Mädels waren wirklich sehr sympathisch und werden mich bestimmt in guter Erinnerung behalten. Später am Morgen sehe ich wieder das junge Paar von letzter Nacht an Deck. Sie stehen vor mir und küssen sich innig. Dann tauschen sie ihre Handynummern aus und ich höre, wie er zu ihr sagt; „Ich rufe dich heute Abend an.“ Sie strahlt über das ganze Gesicht und winkt ihm nach. Bingo, denke ich. Die Chefstewardess Helga erscheint auf meiner Brücke und sagt zu dem Kapitän: „So, das hätten wir, aber jetzt müssen wir uns um die in Kürze anstehende Jungfernfahrt kümmern, es gibt aktuell Probleme im Maschinenraum.“ Was?, denke ich und horche tief in mein Inneres hinein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein