Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 11: Wein nicht um mich, Argentinien

Illustration: Boris Noruschat

Folge 11: Wein nicht um mich, Argentinien

Silvester ohne Feuerwerk, aber mit interessanten Fundstücken

Prost Neujahr, liebe Leser! Na, wie geht es euch heute am ersten Tag des Jahres 2019? Habt ihr vielleicht einen kleinen „Silvester-Kater“? Ich bin gerade auf dem Weg nach Puerto Madryn in Argentinien. Es ist Mittagszeit, aber auf meinen Außendecks ist noch nicht so viel los. 

Meine Silvesterparty gestern Abend dauerte bis in die sehr frühen Morgenstunden. Fast schien es mir so, als ob die Passagiere gar nicht mehr in ihre Kabinen schlafen gehen wollten. Hatten die eine Kondition! Wir waren mitten auf dem Meer, als ich mit einem kräftigen Tuten aus meinem Typhon das Jahr 2019 begrüßte. Für die meisten Gäste war das ihr erstes Silvester auf hoher See und auch das erste ohne Feuerwerk! Natürlich haben die Jungs aus der Küche um Punkt Mitternacht mit einer Eisbombenparade mit Wunderkerzen versucht, dies zu ersetzen. Dazu gab die Reederei Schampus aus bis zum Abwinken und schon hat keiner mehr den feuerwerksfreien Sternenhimmel beschimpft. Silvester die Sterne zu sehen sei Luxus, hatte der Kapitän in seiner humorvollen Neujahrsansprache betont und das nahm ihm jeder Gast auch ab. Der Kapitän findet sowieso irgendwie auch immer die richtigen Worte für jede Situation. Fast so wie der im Fernsehen beim „Traumschiff“ ̶  Sie wissen schon J. Die Putzkolonne hat dann schließlich heute Morgen noch vor dem Sonnenaufgang meine Außendecks und die Heckbar gereinigt. Kein Krümel Konfetti liegt mehr auf meinen Planken herum und auch alle bunten Luftschlangen wurden entsorgt.

 Auf dem Programm steht heute ein bayrischer Frühschoppen, natürlich mit Freibier, Haxen, Sauerkraut und Weißwürsten, doch die ersten Gäste trudeln nur zaghaft ein. Sie alle tragen große Sonnenbrillen und sehen ein wenig leidend aus. Als schließlich Helga professionell das erste Bierfass ansticht, kommen sie aber doch neugierig näher. Die Hostess schenkt ein paar Gläser voll und überlässt dann dem Food & Beverage-Manager diese Aufgabe. Sie gesellt sich zum Kapitän. „Und, gab es noch irgendwelche Vorfälle später in der Nacht?“, will dieser wissen. Helga lacht und zeigt ihm den Inhalt einer Tüte, die sie in der Hand hält. Dann flüstert sie ihm vertraulich ins Ohr: „Nein, es war alles okay, ich bringe nur die Fundsachen von heute Nacht aus der Bar an die Rezeption.“ Der Kapitän wirft einen Blick in die Tüte, in der sich ein Zigarettenetui, eine Krawatte und ein Büstenhalter befinden. Der Kapitän schüttelt ungläubig mit dem Kopf. Mich interessiert brennend, ob die Sachen wirklich später jemand abholt, speziell das Damenbekleidungsstück.

 

Buenos Aires – eine melancholische Metropole

 

Seitdem wir Brasilien verlassen haben, befinden wir uns nun in argentinischen Häfen. Hier ist es längst nicht mehr so gefährlich, aber aufpassen sollen die Passagiere an Land schon. Dies hatte jedenfalls Helga allen Gästen ans Herz gelegt, die in Buenos Aires allein, ohne einen geführten Ausflug, an Land gingen. Zwei Tage lag ich in dieser aufregenden Metropole und erfreute mich fast rund um die Uhr über ein hübsch gekleidetes, einheimisches Paar, das an meiner Gangway ihr Radio abstellte und für meine Passagiere einen richtigen argentinischen Tango tanzte! Kreuzfahrer, die in ihren kleinen, dezent aufgestellten Hut ein Trinkgeld warfen, kamen selbst in den Genuss, mit den Argentiniern Tango zu tanzen. Ich beobachtete, dass dies meist meine weiblichen Passagiere in Anspruch nahmen. Das konnte ich gar nicht verstehen, denn die Argentinierin war eine rassige, dunkle Schönheit. Einfach niedlich, wie die Männer sofort einen Schritt zurückwichen, wenn sie diese auffordern wollte. Der einzige Mann, der tatsächlich mit der Argentinierin eine richtig flotte Tango-Sohle auf der Pier hinlegte, war mein Zweiter Offizier. Wow, konnte der sich bewegen. Cornelia, meine Erste Offizierin, beobachtete dies übrigens durch ihr Fernglas von der Brücke aus und schmunzelte. Diese Seite an ihm, der sonst immer ein wenig steif wirkte, war bestimmt nicht nur mich neu.

Meine Passagiere waren Feuer und Flamme für die kosmopolitische Hauptstadt Argentiniens. Interessiert lauschte ich ihnen nach ihrer Rückkehr und hörte so einige interessante Dinge. Einige waren am Grab der berühmten Evita Perón gewesen, Andere lobten die moderne Waterfront, die hervorragende Steakrestaurants beherbergte.  Erwähnt wurden auch die prachtvollen alten Gebäude, die sich über die ganze Stadt verteilen. Passend dazu spielte mein Kapitän zum Auslaufen „Don´t cry for me Argentina“! Nahezu alle Passagiere hatte Tränen in den Augen und der Zweite Offizier kniete vor Cornelia nieder und tat so, als ob er das Lied nur für sie sänge. Zum Glück sah es mein Kapitän nicht, da er auf der Backbord-Nok stand. Kasperkram auf der Brücke duldet er nämlich überhaupt nicht, schon gar nicht bei konzentrierten Manövern. Meine Zweite Offizierin zeigte ihrem Kollegen lediglich einen Vogel und verließ die Brücke zur Steuerbord-Nok hin. Eins ist klar, so wird das nichts mit den beiden, habe ich melancholisch gedacht. Dabei würden sie doch sehr gut zusammenpassen, aber ich habe die Erfahrung in meinem bisher kurzen Leben gemacht, dass Menschen das oft nicht gleich merken. Nun, die Weltreise wird noch eine Weile dauern und vielleicht erliegen sie ja gemeinsam dem Zauber der Südsee!

 

Kap Hoorn – der größte Schiffsfriedhof der Welt

 

Munter schüppere (ha!) ich nun meinem nächsten argentinischen Ziel entgegen. Puerto Madryn liegt sehr nahe an einem Naturreservat und meine Passagiere machen schon die wildesten Planungen für den Anlauf am morgigen Tag. Sie alle freuen sich auf Seelöwen, Wale, Pinguine, Robben und diverse Vogelarten. Mein Kapitän auf der Brücke hat ganz andere Sorgen: In nur vier Tagen soll ich das berühmte Kap Hoorn umfahren. Über einer detaillierten Seekarte steckt er mit seinen Offizieren die Köpfe zusammen. Er möchte den Gästen gern die Besonderheit bieten, die Insel Hornos einmal zu umrunden. Das geht aber nur bei schwachem Seegang. „Die Windvorhersage verspricht aber schon ein paar Böen“, meint Cornelia und schaut ihren Boss fragend an. Der Kapitän nickt: „Es kommt auf die Richtung an“, erklärt er. „Kommt der Wind aus Richtung See, kann es passieren, dass das Meer trotzdem flach bleibt wie ein Ententeich.“

  „Was soll ich denn in das Tagesprogramm nun schreiben?“, will Helga wissen. „Schreiben sie Umrundung von Kap Hoorn unter Vorbehalt, wir müssen uns das bis zum letzten Moment offenhalten. Gut ist, dass unsere Schüppy so klein ist, da hat der Wind keine allzu große Angriffsfläche.“  „Dafür tanzt sie bei hohen Wellen schön“, findet mein Zweiter Offizier. Jetzt reden die da auf der Brücke auch noch über mich! Ich bin ja nur ein Schiff und kann nicht antworten. Ein wenig fürchte ich mich, denn Kap Hoorn gilt als der größte Schiffsfriedhof der Welt und ist das Grab von über 800 Schiffen. Dies hat der Lektor an Bord neulich einigen Passagieren erzählt. Als ob Cornelia meine Gedanken lesen kann, streicht sie plötzlich mit einer Sanftheit über meinen Steuerknauf und meint mit optimistischer Stimme: „Wir werden die Kleine schon schaukeln.“ Ich bin ergriffen! Diese Frau kann fühlen, was ich denke! So stapfe ich weiter durch die Wellen, mit Kurs auf das Ende der Welt, welches hoffentlich nicht zu meinem persönlichen Ende werden wird. Ich ertappe mich dabei, wie ich ganz leise den Refrain von Katja Ebstein singe: „Wein nicht um mich, Argentinien“!

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Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 17 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
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