Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 12: Südamerika treibt es auf die Spitze!

Schüppy
Illustration: Boris Noruschat

Folge 12: Südamerika treibt es auf die Spitze!

Nennt mich Kap Hoornier oder auch den Wiederholer!

Am 26. Tag meiner Weltreise umfahre ich das Kap Hoorn! Es ist kaum Seegang, nur ein kräftiger Wind, aber mein großartiger Kapitän schafft es tatsächlich, mich einmal um den wohl berühmtesten Felsen der Welt herumzufahren. Meine Passagiere flippen aus vor Freude. Bei der Umrundung und später, als sie auf ihre Kabinen kommen und alle ihre namentlichen „Kap Hoornier-Urkunden“ vorfinden. Da ist am Abend mächtig Party in meinen Bars! Also, ich kann euch sagen, dieser Felsen ist sehr groß und es wächst viel Grün auf ihm. Eigentlich kann er überall auf der Welt liegen, finde ich, aber da er als der größte Schiffsfriedhof der Welt gilt und mehr als 800 Schiffe hier sanken, habe ich schon Ehrfurcht. Doch ich bekomme das gut hin, wie Cornelia meine Erste Offizierin ja vorab schon vermutet hat.

Der Kapitän führt das Manöver selbst durch, was aber alle Offiziere auf der Brücke nur zu gut verstehen. Nach der Umrundung klatschen die Passagiere, die zwar frierend, aber zutiefst beeindruckt auf den Außendecks verharrt haben. Zum Ende der Passage betätigt mein Kapitän dreimal mein Typhon.  Ich belausche an Deck das Gespräch eines Ehepaars. Sie sagt, und in ihrer Stimme liegt pure Begeisterung: „Das erlebst du nur mit so einem kleinen Klassiker. In Zukunft fahren wir nur noch mit der MS Schüppy, ich bin diese großen Dampfer satt.“ „Nächstes Jahr, Liebes, aber dann erst mal nur eine kleine Reise, denk an die Kosten.“ Sie lacht laut: „Na, eine Woche Mittelmeer wird ja noch drin sein.“ Dann nimmt der Mann sie in den Arm und sie steuern im Innenbereich die nächste Bar an, sicher, um ein wärmendes Heißgetränk zu sich zu nehmen.

Die Glut von Feuerland

Am nächsten Tag erreichen wir dann, mit dem Hafen von Ushuaia, Feuerland. Ganze zwei Tage liegen wir dort. Mein Lektor hat die Passagiere – wie immer – vorab perfekt vorbereitet. Feuerland ist eine Inselgruppe an der Südspitze Südamerikas. Bei der Entdeckung im Jahr 1520 durch Magellan und seine Seeleute sahen diese nachts von ihrem Schiff aus viele Feuer und nannten so das Gebiet Feuerland. Meine Passagiere nutzen diese zwei Tage für umfangreiche Ausflüge. Sehr beliebt sind natürlich Ausflüge, um Pinguine und Meerestiere zu beobachten. Viele brechen auch zu Wanderungen auf. Immer wieder staune ich, was die Weltreisenden trotz ihres doch ein wenig höheren Alters für Power entwickeln, wenn wir einen Hafen erreichen. Wem das zu anstrengend ist, der spaziert durch die kleine, bezaubernde Stadt, die am Fuße eines großen Berghangs liegt. Das hat auch meine Chefhostess Helga gemeinsam mit Cornelia gemacht. Mein Kapitän, der schon viele Male hier war, teilt sich die Wache auf meiner Brücke mit dem Zweiten Offizier. „Kapitän, diese Stadt hat mich verzaubert“, schwärmt Helga abends in der Crew-Bar. Cornelia nickt bestätigend mit dem Kopf. „Sie sieht aus wie ein Bergdorf in der Schweiz mit ihren bunten Häusern.“

 „Waren sie auch essen?“, will der Kapitän wissen und beide Frauen antworteten im Chor: „Lamm Asado“ und verdrehen verzückt die Gesichter. Ich erinnere mich an die Worte des Lektors, der diese Spezialität als das Grillen der Gauchos bezeichnet hatte. Der Kapitän zwinkert den Frauen zu und meint: „Die Erbsensuppe an Bord war auch nicht zu verachten.“ Helga beginnt glockenhell zu lachen. „Es tat so gut, mal nicht an Bord zu essen“, entschuldigt sich Cornelia.“ Doch der Kapitän lacht: „Na, wir haben ja noch nicht mal 30 Tage rum, der große Essenskoller kommt erst noch!“ Ernst sieht Cornelia ihren Chef an: „Wir haben dort aber auch Passagiere getroffen. Die waren ebenfalls ganz begeistert.“ „Der Essenskoller bei den Passagieren setzt spätestens am Tag 50 ein, das ist ein ungeschriebenes Weltreisegesetz und fast so schlimm wie Feuer an Bord. Bei dem, der heute draußen gegessen hat, vielleicht ein bis zwei Tage später. Aber die Glut ist gesät, glauben sie mir.“

7 Tage Chile bringt einen Tellerweitwurf mit sich

In den nächsten sieben Tagen schüppere (ha) ich munter an der Westküste von Chile entlang. Doch neben meiner Besatzung bin ich wohl die Einzige, die gute Laune hat. Vergessen scheint bei den Passagieren die Begeisterung zu sein, die sie noch in Feuerland versprüht hatten. Das Wetter ist zugegeben fast sieben Tag in Folge schlecht. Draußen wechselt sich der Regen mit dichtem Nebel ab und es ist nur 5 Grad warm. Alles ballt sich demzufolge in meinen Innenräumen. Meine Gästebetreuer tun ihr Bestes und auch Helga arbeitet fast 12 Stunden am Tag. Doch meine Gäste wollen kein Bingo mehr spielen, keine Küchenführungen genießen und keine Rumba-Tanzkurse absolvieren. Sie wollten Chile sehen und genau das ist nicht der Fall.

Wir haben zwar einen Stopp in Puerto Montt, doch die Landgänge sind aufgrund des Wetters nur von kurzer Dauer möglich. In den Fjord von Puerto Chacabuco fahren wir zwar hinein, doch wetterbedingt muss das Tendern abgesagt werden. Hinzu kommt, dass aufgrund der Wellenhöhen meine Außendecks schließlich bis Valparaíso komplett gesperrt sind. Die Stimmung unter Deck ist hochexplosiv und speziell die Raucher-Fraktion, die sich nun meine kleine Smoking-Lounge teilen muss, leidet unter mieser Stimmung. So ist es nicht verwunderlich, dass an einem Mittag in meinem Bedienrestaurant der wohlbetuchte und allerseits angesehene Suppenfabrikant Arno aus dem Harz seinen servierten Teller Gulaschsuppe mit voller Wucht an die Wand wirft. „Das ist keine Gulaschsuppe, das ist Brühe mit Paprika“, brüllt er quer durch das ganze Restaurant.“ Seine Frau sieht peinlich berührt zu Boden. Meine Kellner nahen sofort, um das Missgeschick in Ordnung zu bringen. Vielleicht wäre noch alles glimpflich abgegangen, wenn Arno, bzw. sein geworfener Teller, nicht beim Aufprall an die Wand nach allen Seiten gespritzt hätte und ausgerechnet das helle Leinensacko des sonst so vornehmen Professors Dr. Stelzenbach mit den Resten der Suppe getroffen hätte. Dieser hat sich einmal geschüttelt und sich dann drohend vor Arnos Tisch aufgebaut und die Fäuste geballt. Mein Maître ist sofort zur Stelle, aber es benötigt drei weitere Kellner, um die Streithähne zu trennen. Am Abend jedoch sitzen beide wieder friedlich vereint bei einer Zigarre in meiner Raucher-Lounge und sind sich einig, dass endlich mal mittags seit Tagen was los gewesen ist.

Der Sonnenschein trügt

Nun bin ich kurz vor dem Hafen von Valparaíso, die Sonne scheint und es ist deutlich wärmer. Meine Außendecks sind wieder begehbar und bereits von meinen Passagieren bevölkert. In knapp 30 Minuten werden wir in unseren letzten chilenischen Hafen einlaufen. Die nächste Strecke wird uns über die Osterinseln durch die Südsee führen. Die Wetterprognosen sind bestens. Helga ist auf die Brücke gekommen, denn wir haben heute einen kleinen Passagierwechsel. Rund 100 Gäste haben nur eine Teilstrecke der Weltreise gebucht und werden ausschiffen. 90 neue Passagiere werden erwartet.

Mitten in der Besprechung der Zollformalitäten klopft es an meiner Brückentür und der Chief, also der erste Maschinist, tritt ein. Überrascht schauen mein Kapitän und Helga von ihren Formularen auf. „Morgen“, wünscht er in die Runde und fährt fort: „Es gibt ein Problem mit einer der Maschinen, wir müssen ein wichtiges Ersatzteil einfliegen und einbauen lassen, um nicht in Gefahr zu kommen, später manövrierunfähig in der Südsee zu treiben.“ Mein Kapitän überlegt: „Wir haben zwei volle Liegetage hier, aber das kann wohl trotzdem eng werden.“ Helga ist bleich im Gesicht geworden. „Chef, steht der Anlauf der Osterinseln damit infrage? Das wäre eine Katastrophe!“ Ich drücke beide Augen zu und wünsche mir das erste Mal seit dem Beginn meiner Weltreise, doch einfach irgendwo harmlos in der Ostsee zu schüppern und nicht am Ende der Welt!

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Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein