Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 13: Wenig Ruhe im ach so Stillen Ozean

MS Schüppy
Foto: Illustration: Boris Noruschat

Folge 13: Wenig Ruhe im ach so Stillen Ozean 

Ausfall der Osterinseln?

Ich traue mich gar nicht, heute Abend den Gesprächen meiner Gäste zu lauschen und tue es doch. So ein Kreuzfahrtschiff ist schließlich auch neugierig. Soeben hat mein Kapitän über den Bordlautsprecher verkündet, dass sich unser Aufenthalt im schönen Valparaíso um eine Nacht verlängern wird. Erst morgen Mittag fahren wir weiter, um dann in drei Tagen unser nächstes Traumziel – die Osterinseln – zu erreichen. An den Tischen in meinen Restaurants setzt Gemurmel ein. Jeder Passagier hat eine andere Vermutung für die Verlängerung. Eine Frau meint zu wissen, dass eine erwartete Proviantlieferung noch nicht eingetroffen ist. Ein Mann vermutet eine Verspätung des Fliegers, da zum Teil noch Kabinentüren offenstehen. Wir haben hier in Valparaíso einen kleinen Passagierwechsel. Ich weiß es natürlich besser. Der Chief kam vor zwei Tagen höchstpersönlich auf die Brücke und berichtete, dass ein wichtiges Ersatzteil für die Maschine aus Deutschland eingeflogen werden müsste, damit wir später in der Südsee nicht Gefahr laufen, manövrierunfähig umherzutreiben.

Nun, das Ersatzteil kam heute Mittag pünktlich an und die Mechaniker-Jungs geben alles tief im Bauch des Schiffes. Theoretisch könnten wir auch losfahren, aber mein Kapitän hat entschieden, den Einbau erst abzuwarten. Das darf er, denn er ist hier schließlich der Chef. Den Reeder, der eine Abfahrt noch am Abend vorgeschlagen hat, ließ er am Telefon abblitzen. So diskutieren meine Weltreisenden in allen Bars später weiter das Warum. Die Crew ist gebrieft, sie sagen alle – einschließlich meiner Chefhostess Helga – den gleichen Satz: „Die Abfahrt verzögert sich aufgrund einiger Zoll-Formalitäten, machen Sie sich deswegen keine Sorgen.“ Das tun die Passagiere aber doch. Ein Professor der Mathematik aus Magdeburg tritt schließlich völlig unerwartet in einer Pause der Band in meiner Show-Lounge an das Mikrofon. Bevor Helga zu ihm eilen kann, schwingt er einen Zettel und ruft mit aufgeregter Stimme: „Ich habe den ganzen Abend gerechnet! Die MS Schüppy hat eine Durchschnittsreisegeschwindigkeit von 17,6 Knoten! Das schaffen wir nie in drei statt vier Tagen bis zu den Osterinseln! Dieses Ziel fällt aus!“ Alles Passagiere in der Lounge schreien daraufhin laut auf!

 

Chefhostess Helga im Alleingang

Helga wäre nicht Helga, wenn sie die Situation nicht überraschend schnell in den Griff bekäme. Sie nimmt dem Professor lächelnd das Mikro aus der Hand und klärt die Gäste über den wahren Grund der verspäteten Abfahrt auf. Und das alles ohne Rücksprache mit dem Kapitän, aber dazu bleibt ihr auch keine Zeit. Sie stellt aber auch klar, dass ich im Notfall sogar maximal 19 Knoten fahren kann und dass die Osterinseln definitiv angelaufen werden. Alle Ausflüge sind schon avisiert und bestätigt. Das schafft Klarheit in der Lounge. Helga begibt sich danach natürlich sofort zum Kapitän und macht ihm Meldung über den Vorfall. Erst schaut er ein wenig grimmig, doch dann ist er voll des Lobes über ihre Tat. Er klopft ihr anerkennend auf die Schulter und sagt: „Helga, das war sehr vorausschauend, die Situation hätte sehr leicht eskalieren können. Als Dank lade ich Sie persönlich zu einem Ausflug über die Osterinseln ein. Ich miete einen Jeep und zeige ihnen die schönsten Moais. Haben Sie Lust dazu?“ Helgas Antwort ist ein freudiges Nicken und ihre Wangen färben sich vor Aufregung ganz rot.

Ich schüttle ein wenig meinen Bug über die Zwei, aber am wichtigsten ist, dass die Aufregung an Bord sich wieder legt. Übrigens kann ich sogar ganze 21 Knoten fahren, aber das musste auch mein Kapitän erst mal erfahren! Pünktlich drei Tage später gehen wir morgens um 7 Uhr auf Reede vor Hanga Roa, dem Hafen und der einzigen Stadt auf den Osterinseln. Die Sonne lacht vom Himmel und es ist bereits 20 Grad warm. Meine Gäste und natürlich auch der Kapitän mit Helga genießen einen wunderschönen Tag, während ich mich auf Reede liegend mehrfach um die eigene Ankerkette drehe. Besonders schön finde ich, dass ich, wenn ich meine Augen zusammenkneife, auch ein paar dieser Moais an Land erkennen kann. Die sind ja wirklich riesig! Die Osterinseln wurden übrigens 1722 entdeckt, also vor ca. 300 Jahren erst. Das geschah damals an Ostern und der Entdecker war ein Niederländer namens Jakob Roggeveen – hoch lebe mein wissender Lektor!

 

Piraten entern die MS Schüppy und nehmen eine „romantische Geisel“

In den nächsten Tagen schüppere (ha) ich munter weiter im Pazifischen Ozean herum. Es ist angenehm warm und die Stimmung unter meinen Passagieren ist hervorragend. Der Mathematik-Professor hat Helga gestern als Entschuldigung für seinen Auftritt sogar auf ein Glas Champagner in der Lido-Bar eingeladen. Ja, diese Weltreisenden – immer schnell auf dem Baum und dann wieder friedlich wie Lämmer. Mäh! Am dritten Morgen steht die Passage der Pitcairninseln an. Endlich mal Land, denke ich, doch plötzlich zucke ich zusammen, was sich für meine Gäste wie ein leichtes Vibrieren anfühlt. Ich sehe ein kleines Boot, dass direkt auf mich zufährt. Als es näherkommt, sehe ich Männer, die wie Piraten gekleidet sind. Wir werden überfallen, ist mein erster Gedanke und ich verstehe nicht, warum der Kapitän meine Maschinen drosselt und auch noch fröhlich winkend auf die Nok geht. Die Luke an Deck 3 wird geöffnet und Helga begrüßt die vermeintlichen Piraten erstaunlich freundlich. Erst jetzt erinnere ich mich, dass 24 der 48 Einheimischen der Pitcairninseln heute für einige Stunden zu Besuch kommen.

Ich atme erleichtert durch meinen Schornstein aus. Die Männer kommen an Bord und verkaufen an Deck ihre selbst hergestellten Souvenirs. Meine Passagiere benehmen sich wie die Geier und wollen auch unbedingt alle Fotos mit den Leuten. Geduldig werden ihre Wünsche erfüllt. Die Männer bleiben danach noch eine Weile und nehmen an Deck an einem klassischen bayrischen Frühschoppen mit Weißwurst, Brezeln und Bier teil. Den Nachfahren der Meuterer von der Bounty gefällt das und ich sehe doch allen Ernstes, dass eine meiner Bar-Kellnerinnen von den Philippinen mit einem der Piraten sehr innig und eng tanzt. Später küssen sie sich heimlich unter meinen Rettungsbooten. Tatsächlich kündigt das Mädchen noch bevor die Einheimischen uns verlassen ihren Vertrag und besteigt mit ihrem neuen Freund die kleine Nußschale. Mein Kapitän und Helga winken dem Boot nach und Helga meint: „Liebe auf den ersten Blick, ein unvergleichliches Erlebnis mitten im Stillen Ozean.“ „Falls es mit den Zweien nicht klappt, kann sie sicher ein anderes Kreuzfahrtschiff wieder mitnehmen“, ist die Meinung des Kapitäns. „Sie sind unromantisch“, findet Helga. Er lacht laut auf: „Nein, nur realistisch!“

 

Auf dem Weg in die Südsee

Weiter geht die Fahrt in Richtung Tahiti, dem Tor zur Südsee, wie es mein Lektor am nächsten Tag wortreich beschreibt. Ein weiterer Seetag trennt uns noch von dem neuen Sehnsuchtsziel. Das Wasser ist schon jetzt herrlich türkis. Meine Passagiere freuen sich auf Palmen, weiße Strände, bunte Fische und das Wissen, bald sagen zu können: „Ich stand in der Südsee.“ Wir werden dort einige Stopps haben und ich bin gespannt, ob wir auch mal wieder ein paar Schwestern, also andere Kreuzfahrtschiffe, treffen werden. Seit Usuhaia fahre ich gefühlt alleine durch die Welt und ein kleiner Hafenplausch mit einer Kollegin würde mich wirklich sehr erfreuen und auch für mich ein wenig Abwechslung bedeuten.

 

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Die MS Schüppy schippert heute bereits 1 Jahr für CruiseStart über die Weltmeere. Hier geht es zur allerersten Folge, der Geburt in der Meyerwerft. 

Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt!

 

 

 

Brina Stein
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Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 17 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
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