Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 14: Die MS Schüppy auf den Spuren von James Cook

Schüppy
Illustration:Boris Noruschat

Folge 14: Die MS Schüppy auf den Spuren von James Cook

Polynesische Nacht trifft Polonäse

„Mit dir in der Südsee stehen, in den Abendhimmel sehen …“, das Lied von Hubert Kah schallt quer über mein Achterdeck. Ich befinde mich auf der Fahrt von Moorea nach Bora Bora und meine Passagiere feiern in Form einer Poolparty sehr ausgelassen eine Polynesische Nacht. Sie alle standen heute Morgen auf Moorea mit den Füßen in der Südsee und diese muss ein wahrer Jungbrunnen sein, wenn ich sie jetzt alle so hüpfen und springen sehe. Die Entfernung zwischen diesen zwei Südseeinseln beträgt nur 136 Seemeilen und so tuckere ich eher herum, als dass ich richtig fahre. Mein DJ nutzt den Schwung der Gäste und als Nächstes schallt „Einmal um die Welt“ aus seiner Anlage. Die Gäste formieren sich zu einer Polonäse, der selbst mein Kapitän und Helga nicht entkommen. Die haben heute Abend nämlich Dienst auf der Party. Inzwischen trägt sogar der Kapitän über seiner schicken weißen Uniform einen Blütenkranz und Helga hat sich zumindest einen farbenfrohen Pareo um ihren Oberkörper geschlungen und die offizielle Jacke ausgezogen. Kein Wunder, denn es ist zwar kurz vor Mitternacht, aber immer noch über 30 Grad warm.

Auf der Brücke hält Cornelia mit dem Zweiten Offizier derweil Wache. Doch meine Maschinen laufen langsam, der Autopilot ist programmiert und mein Radar zeigt weit und breit weder Land noch ein Schiff in Sicht an. So stehen Cornelia und Wilfried auf der Nok und versuchen, auf das Pooldeck zu linsen, um einen Blick auf das Partygeschehen werfen zu können. „Der Chef muss Polonäse machen“, lästert der Zweite Offizier und tritt sehr dicht hinter Cornelia. Ihre Körper berühren sich jetzt, doch sie weicht nicht zurück. Langsam, ganz langsam schiebt sich sein rechter Arm um ihre Taille. Er spürt kurz, wie sie sich versteift, dann fragt er: „Machst du morgen mit mir auf Bora Bora eine Jeeptour? Wir haben doch beide frei.“ Cornelia dreht sich herum und schaut ihm direkt in die Augen. Sie lächelt und nickt. Dann wendet sie sich zum Gehen. „Wohin willst du?“, fragt er verwundert, denn irgendwie hatte er sich das jetzt anders vorgestellt. „Auf die Brücke“, ist ihre kurze Antwort, „bevor du mir auch noch das Kreuz des Südens zeigen willst.“ Er strafft seine Schultern und dackelt ihr hinterher. Ich amüsiere mich königlich.

 

Auch auf Bora Bora gibt es den 1. April

 

Am nächsten Morgen werfe ich meinen Anker pünktlich morgens um 7 Uhr vor dem Traumziel Bora Bora in der geschützten Lagune. Die Sonne lacht vom Himmel, das Meer schimmert im schönsten Türkis und die schroffen Berge erheben sich eindrucksvoll mit ihrem grünen Bewuchs. Die meisten Gäste sind trotz der frühen Uhrzeit schon an Deck, denn diesen Anlauf will sich keiner entgehen lassen. Ich wundere mich, dass meine Matrosen nicht mit dem Herunterlassen der Rettungsboote für das Tendermanöver beginnen, da ertönt über den Bordlautsprecher die Stimme des Kapitäns: „Einen schönen Morgen, liebe Gäste. Wir haben soeben Bora Bora erreicht und die MS Schüppy liegt bereits fest vor Anker. Wegen eines technischen Defekts können heute die Rettungsboote nicht zu Wasser gelassen werden. Natürlich können sie trotzdem ihre Landgänge machen. Kommen sie bitte in die Lounge, Helga wird dort Rettungsringe verteilen, damit sie sicher hinüberschwimmen können.“

Schreie und Entrüstungsrufe tönen minutenlang über meine Decks. Ich höre Satzfetzen wie „Dem haue ich jetzt eins auf die Nase, aber richtig“ bis hin zu „Die Reederei werde ich verklagen, noch heute“. Ich würde mir am liebsten den Schornstein zuhalten. Natürlich wundere ich mich schon, denn unter meinen Rettungsbooten stehen wie immer die Bootsmänner schon bereit. Sie tun nur nichts. Nach fünf quälenden Minuten schallt erneut die Stimme des Kapitäns aus den Bordlautsprechern. „Liebe Gäste, wenn ich sie nun erschreckt habe, dann tut es mir leid. Heute ist der 1. April! Die Boote werden in Kürze zu Wasser gelassen, dann beginnt das Tendern. Ein Fass Bier geht heute Abend auf meine Rechnung.“ Schallendes Gelächter meiner Passagiere ist die Folge. Die Männer, die eben noch zu wüsten Handlungen bereit waren, hauen sich nun gegenseitig auf die Schultern und versichern sich, was für ein Teufelskerl der Kapitän doch sei. Mit dem wolle man heute Abend mal kräftig einen zischen. Diese Geschichte würde man später noch seinen Urenkeln erzählen. Ich staune mal wieder über die Sprunghaftigkeit der Launen der Menschen.

 

Wer hat an der Uhr gedreht?

 

Am Abend schüppere (ha) ich munter weiter. Alle Offiziere samt Kapitän und Helga befinden sich auf meiner Brücke. Ich bemerke, dass Cornelia und Wilfried jeden Blickkontakt zu vermeiden versuchen. Dabei, als sie vorhin in ihren Zivilklamotten mit dem Jeep angebraust kamen, sahen sie sehr glücklich aus. Braun gebrannt, die Haare zerzaust, wirkten sie fast wie ein Paar. Nun jedoch wieder in Uniform, im Alltag, auch wenn der mitten in der Südsee stattfindet, gehen beide auf Distanz. Als ich aus der Lagune auf das offene Meer gleite, bespricht mein Kapitän mit Helga das Gästeprogramm für die nächsten zwei Seetage bis zum Königreich von Tonga.

Ich wundere mich, denn laut Kalender wären es eigentlich drei. „Der 4. April entfällt ja wegen der Datumsgrenze“, meint Helga, „wir schreiben dann wieder für jeden Passagier eine Urkunde.“ „Sehr schön“, findet der Kapitän. Ich kapiere es erst, als am nächsten Tag mein begnadeter Lektor es in seinem Vortrag den Passagieren erklärt. Wir haben seit Reisebeginn die Uhr so oft zurückgestellt, dass dabei nun ein ganzer Tag mehr  herausgekommen wäre und deshalb findet übermorgen nicht statt, sondern es geht direkt von morgen nach überübermorgen! Einige Gäste schauen genauso ungläubig wie ich, doch gegen den Lektor und sein Wissen wagt niemand anzugehen. Nicht mal Suppenfabrikant Arno, der beim Verlassen der Lounge zu seiner Frau, die wegen einen angeblich gestohlenem Reisetag vor sich hinschimpft, sagt: „Wenn der Lektor das sagt, dann kann man nichts dagegen machen, der hat hier nämlich die Macht. Macht auch nichts, mir gehen diese sinnlosen Seetage sowieso langsam auf den Wecker und so haben wir einen weniger.“

 

Ein echter König kommt an Bord

 

Zwei Tage später erreiche ich unseren letzten Stopp in der Südsee – das Königreich von Tonga. Es hat eine parlamentarische Erbmonarchie und der amtierende König Tupou VI. lässt es sich nicht nehmen, mich persönlich am Kai zu begrüßen, um anschließend mit einer kleinen Delegation an Bord zu kommen. Mein Kapitän und Helga führen ihn an Bord durch die öffentlichen Bereiche und meine Passagiere gebärden sich wie Paparazzi mit ihren Kameras. Doch seine Majestät ist entspannt, steht sogar für Selfies zur Verfügung und lacht viel. Immer wieder versucht er, in einem sehr akzentfrei gesprochenem Englisch den Passagieren zu erklären, dass nicht er die Attraktion hier sei, sondern sein Königreich da draußen.

Die meisten kapieren es schließlich und brechen endlich zu ihren geführten und individuellen Ausflügen über das freundlichste Königreich der Welt – wie seine Majestät es bezeichnet – auf. Derweil lädt der Kapitän den König zu einem privaten Mittagessen in mein Spezialitätenrestaurant ein. Die Zwei haben sich viel zu erzählen, denn der König ist früher als junger Mann selbst als Korvettenkapitän zur See gefahren. Heute Abend steht der Abschied von der Südsee bevor. Neuseeland und Australien erwarten uns als nächste Destinationen und ich freue mich nun wirklich, mal wieder eine Kollegin von mir in einem Hafen zu treffen. Immer so allein als Kreuzfahrtschiff mit dem Menschen ist manchmal auch anstrengend!

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Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein