Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 15: Down Under bringt einiges durcheinander

Schüppy
Illustration: Boris Noruschat / Kreuzfahrtunikate

Folge 15: Down Under bringt einiges durcheinander

Selbstmordgedanken der Ersten Offizierin?

 

Wir erreichen den Hafen von Auckland in Neuseeland und ich bin ganz platt beim Anblick der imposanten Skyline. In den letzten Wochen in der Südsee hatte ich mich an kleine Inseln, viel Grün und wenige Menschen gewöhnt. Nun – zurück im richtigen Leben – machen mir die hohen Wolkenkratzer fast Angst. Souverän steuert mich mein Kapitän an die Anlegestelle Princes Wharf, die mitten in der Innenstadt dieser großen Metropole liegt. Ich höre das Geräusch von startenden Autos und sehe Menschen an Ampeln stehen. Was war die Südsee doch beschaulich, denke ich.

  „Da ist er“, sagt Cornelia – mein Erster Offizier – und deutet auf einen der Tower, der schlank aussieht und anscheinend ein Fernsehturm ist. „Der Sky Tower, 328 Meter hoch und der höchste Fernsehturm der südlichen Hemisphäre“, stimmt mein Kapitän zu. „Ich weiß“, gesteht Cornelia. Fragend blickt sie der Kapitän an. „Meine Freun. . ., äh, unsere Kollegin will da heute runterspringen“, mischt sich der Zweite Offizier ein und ich merke an seiner Stimme, dass er wenig begeistert ist. Ich auch nicht. Cornelia hielt ich bisher für eine lebensfrohe, junge Frau. Ich ahnte wirklich nicht, dass sie sich mit dem Gedanken an Selbstmord beschäftigt? „Ich habe einen Sky Jump reserviert“, erklärt Cornelia stolz und strahlt über das ganze Gesicht, „das ist gar nicht gefährlich.“

  „Wenn ich ihr Vater wäre, dann würde ich Ihnen das jetzt verbieten. Aber wenn es nicht mal ihr Freund schafft. Dann mal guten Sprung. Ich erwarte sie pünktlich und munter um 18 Uhr zum Auslaufen wieder auf der Brücke“, ist die Antwort des Kapitäns, der zwar den Kopf schüttelt, aber wie ich sehe, auch in sich hineinschmunzelt. Er weiß schon längere Zeit um die Beziehung der zwei und hat es nun geschickt geschafft, diese offiziell zu machen. Cornelia und Wilfried tauschen einen Blick und verlassen kurze Zeit später, als wir festliegen, das erste Mal gemeinsam die Brücke. Als sie die Tür des Crewbereichs hinter sich geschlossen haben, gehen sie auch das allererste Mal Hand in Hand über den Flur zu ihren Kabinen.

 Eine flotte Sohle geht anders

 

Am Abend sind beide wieder gesund und munter auf der Brücke und Cornelia kann gar nicht mehr aufhören, von ihrem „Jump“ zu schwärmen. Wir haben nun zwei Seetage vor uns, bevor wir Sydney in Australien erreichen. Mein Lektor hat erklärt, dass Australien auch „Down Under“ genannt wird, weil es unterhalb des Äquators liegt.

  Einer meiner Weltreisepassagiere, ein ehemaliger Lehrer für Kunst und Geschichte, hat das danach beim Abendessen als Quatsch abgetan. „Dann müsste auch Neuseeland Down Under heißen und es wird nicht so genannt. Der britische Entdecker Matthew Flinders nannte den Kontinent ‚terra australis incognita‘, was so viel wie ‚das unbekannte südliche Land‘ bedeutet.“ Begleitend zu seinen Worten, die er mit Nachdruck zu seiner Frau spricht, säbelt er wütend mit seinem Messer an einem Stück Fleisch herum, das ihm eindeutig zu durchgebraten aus der Küche serviert wurde. Seine Frau zuckt nur mit den Schultern. Das Lamentieren ihres Mannes über geschichtliche Grundlagen kennt sie seit über dreißig Jahren. Ihr ist es egal, woher der Name kommt. Hauptsache sie kann am Abend in Sydney die Oper besuchen und am nächsten Tag ausgiebig shoppen gehen. Der Lehrer nimmt ihr Schweigen wie seit vielen Jahren als Zustimmung auf, schiebt aber den Teller von sich. „Leo, noch mal die Karte“, ruft er sehr unfein quer durch das Restaurant, „die Schuhsohle kann ja keiner essen.“

  „Eine Sohle ist auf jeden Fall immer unten“, lästert eine Frau leise zu ihrem Mann am Nachbartisch. Sie sitzt nun schon seit fast drei Monaten allabendlich neben dem Lehrer und seiner Frau und inzwischen hat sie das Gefühl, keine Kreuzfahrt um die Welt gebucht zu haben, sondern eine Vorbereitung auf ein Examensprüfung in Kunst und Geschichte. Sie freut sich jetzt schon auf den heimischen Esstisch, wo sie zwar wieder selbst kochen muss, nicht aber mit Dauervorträgen beschallt wird, was der doch wirklich nette Lektor nun heute wieder falsch vermittelt hat. „Ich höre da gar nicht mehr hin“, meint ihr Mann, der sehr zufrieden und sanft sein Fleisch schneidet. Inzwischen weiß man nach der langen Reisezeit, dass man es stets „rare“ bestellen muss, damit es dann „medium“ serviert wird und schmeckt.  

Nur ein kurzes Tuut!

 

Zwei Tage später schüppere (ha) ich munter in die Bucht von Port Jackson ein. Das Kreuzfahrtterminal vor The Rocks, dem Overseas Passenger Terminal, ist durch eine Kollegin besetzt. So liege ich auf Reede und biete zwar beeindruckende Blicke auf die Oper von Sydney und die Harbour Bridge, doch meine Passagiere müssen die Tenderboote nutzen, um an Land zu gelangen. In der Südsee hat ihnen das Freude pur bereitet, doch zurück in der Zivilisation, empfinden sie diesem Umstand als Zumutung. Der eine oder andere Passagier vermutet sogar, dass dies auf Einsparungsmaßnahmen der Reederei zurückzuführen sei.

Ich liege über Nacht – also overnight, wie es in der Kreuzfahrtsprache heißt – in Sydney und der Tenderverkehr wird durchgängig angeboten. Manchmal verstehe ich die Probleme der Menschen einfach nicht. Ich habe mich ebenso auf Sydney gefreut und auch auf die Kollegin, von der ich ja wusste, dass ich sie heute wiedertreffen würde. Nun liegt sie viel zu weit entfernt für einen Plausch und ich kann ihr nicht die vielen Abenteuer erzählen, die sich seit unserem letzten Treffen in einem Hafen im Mittelmeer erlebt habe. Immerhin haben wir uns bei meiner Ankunft kurz zugetutet! Als sie am Abend ausläuft, tauscht sie den Platz mit einer anderen Kollegin, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Sie heißt Die Welt.Ich habe gehört, wie meine Chefhostess Helga Cornelia erklärt hat, dass sie ein Kreuzfahrtschiff sei, auf dem Menschen Kabinen wie Eigentumswohnungen kaufen können, um dann immer an Bord zu sein. Was es nicht alles gibt? Immerhin hat sie mich freundlich begrüßt, als sie an mir vorbeischwamm. Nicht alle Luxusschiffe sind arrogant, das habe ich längst in meinem kurzen Leben gelernt.

 Viel Bewegung bei Windstärke 9!

 

Nach dem Hafen von Sydney besuchen wir noch Melbourne und befinden uns jetzt mit Kurs auf Perth an der Westküste Australiens. Es ist der erste von drei Seetagen und wir haben Windstärke 9! Ich schaukle wir verrückt hin und her und den meisten Passagieren ist gar nicht wohl im Magen. Der Kapitän hat zwar meine Stabilisatoren ausgefahren, doch es bringt nicht viel. Es ist kurz vor der Mittagszeit und in der Küche ist soeben eine ganze Aluminiumschale voller Kartoffeln wie von Geisterhand vom Tisch gerutscht. Die Küchenhilfen schälen bereits eifrig nach, wobei unklar ist, ob die Passagiere heute überhaupt Essen einnehmen möchten. Die meisten liegen apathisch in der Kabine auf ihren Betten. Nur ein paar Hartgesottene haben sich zu Drinks in der Bar zusammengefunden und helfen dem Barkeeper, seine kostbaren Flaschen festzuhalten, die auch immer mal wieder, trotz einer Sicherung, aus dem Regal zu rutschen drohen.

Der heftige Seegang ist die Folge eines Vulkanausbruchs auf Vanuatu. Die Druckwellen haben sich auf das Meer übertragen. Nun hilft nur Durchhalten: Noch zwei Tage bis Perth! Doch mein Kapitän steht wie ein Fels auf meiner Brücke. Aus dem Internetradio ertönt das berühmte Lied über Australien „Down under“ von „Men at work“. Mein Kapitän summt leise mit:

I come from a land down under.
Where beer does flow and men chunder.
Can’t you hear, can’t you hear the thunder?
You better run, you better take cover, yeah!

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Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein