Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 16: Von Australien nach Mauritius – oder: Wenn es an Seetagen nichts zu sehen gibt!

Kreuzfahrtunikate
Illustration: Boris Noruschat

 

Folge 16: Von Australien nach Mauritius – oder: Wenn es an Seetagen nichts zu sehen gibt!

 

Hurra, ich lebe noch!

Erinnert ihr euch noch an meine letzte Folge? Bei starkem Seegang umrundete ich Australien, aber ich bin natürlich wohlbehalten hier in Perth an der Westküste angekommen. Eigentlich liege ich gar nicht in Perth, sondern in Freemantle, ca. 20 Kilometer entfernt von der großen Metropole. So heißt mein Hafen heute. Die Passagiere und auch meine Besatzung sind alle froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, denn die See war doch sehr bewegt.

  Momentan ist Mittagszeit und ich bin ziemlich verwaist. Ich kann ein Stück in die Stadt hineinblicken. Flache Häuser aus Holz lassen sie für mich wie eine Westernstadt wirken. Eine kleine Tram, also eine Bimmelbahn aus Holz, bringt die Passagiere, die nicht die Ausflüge in Richtung Perth gebucht haben, in das Zentrum. Irgendwie niedlich. Ich freue mich, denn kurz nach meiner Ankunft macht eine große Schwester neben mir fest. Endlich mal die Möglichkeit, zu einem Plausch im Hafen! Ich spreche sie auf Englisch an, denn an ihrem Bug steht ein englischer Schiffsname. Zu meiner Verwunderung antwortet sie aber in akzentfreiem Deutsch. Ich erfahre, dass sie viele Jahre als A-frosaund ADIAgefahren ist, bevor sie die Flotte verließ und nun auf Kreuzfahrten rund um Australien eingesetzt wird. Sie schwärmt mir vom Great Barrier Reef vor und ich bin neidisch. Dort komme ich bei dieser Reise leider nicht vorbei. Im Gegenteil, noch heute Abend verlasse ich Australien, um in Richtung Afrika aufzubrechen. Es ist der dritte und letzte Kontinent bei dieser Weltreise.

Sieben Tage Kapitänstisch!

 

Kurz nach dem Ablegen am Abend kommt meine Chefstewardess Helga auf die Brücke. „Kapitän, wir müssen reden“, sagt sie und schaut ein wenig verzweifelt aus. Der Kapitän bedeutet ihr, Platz zu nehmen. „Also, wir müssen jetzt gemeinsam überlegen, welche Passagiere wir an den nächsten sieben Seetagen am Abend an den Kapitänstisch setzen.“ Helga schlägt ihr Notizbuch auf und blickt ihren Chef erwartungsvoll an. Dieser kratzt sich am Hinterkopf, wobei seine Kapitänsmütze leicht verrutscht.

„Ich soll sieben Tage hintereinander den Kapitänstisch machen? Den gibt es doch sonst nur, wenn wir Gala haben.“ Helga, die mit diesem Einwurf offenbar schon gerechnet hat, antwortet: „Ja, ich weiß, aber wir müssen unsere Gäste bei Laune halten bei der langen Seestrecke. Ein Abend am Kapitänstisch hebt die Stimmung. Zehn Passagiere bekommen wir pro Abend unter.“ „Meine Laune hebt das aber nicht“, wendet der Kapitän ein. Doch Helga ist unerbittlich. Auf ihrer Liste stehen bereits so wichtige Leute wie Arno, der Suppenfabrikant und natürlich der allwissende Historiker und Geschichtslehrer. Während Helga weitere Passagiere vorschlägt, kichert Cornelia, die Erste Offizierin, ein wenig schadenfroh über ihrer Seekarte, auf der sie den Kurs von Hand einträgt. Ihr Freund Wilfried, der Zweite Offizier, grinst ebenfalls, gibt sich aber voll und ganz damit beschäftigt, durch ein Fernglas das Meer zu beobachten. Nach einer halben Stunde stehen die teilnehmenden Gäste endlich fest. Helga ist zufrieden. Sie will gerade die Brücke verlassen, als der Kapitän mit emotionsloser Stimme sagt: „Ach, Helga, Sie brauche ich an den Abenden dieses Mal am Kapitänstisch übrigens nicht. Mein Erster und Zweiter Offizier werden mich wechselseitig begleiten.“

Das Paar tauscht einen Blick der Verzweiflung, wagt aber keine Antwort zu geben. „Gut“, ist Helgas Kommentar, „warum nicht auch mal neue Wege gehen.“ Bingo, denke ich. Damit hat der Kapitän den beiden für die nächsten sieben Abende das Privatleben verdorben, denn jeder weiß, dass so ein Kapitänstisch harte Arbeit ist und sich oft bis nach Mitternacht hinzieht, bevor der letzte Passagier in Richtung seiner Kabine verschwunden ist. Ich lerne, dass Schadenfreude gegenüber dem Kapitän das Gegenteil auslösen kann.

Plaudereien aus dem Seekästchen

 

Schon sechs Tage lang schüppere (ha) ich munter im Indischen Ozean umher. Sechs Tage nur Wasser rings um mich herum und Passagiere, die inzwischen knapp drei Monate zusammen fahren, bedeuten für die Crew Ausnahmezustand! Die ersten zwei Tage geht es noch gemäßigt zu, aber dann breitet sich das Phänomen Langeweile aus. Da können die Gästebetreuer sich noch so viel Mühe mit Spielen wie Bingo und Shuffle-Board geben. Es hilft nichts. Das Küchenteam fährt auch auf. Jeden Tag gibt es zusätzlich zu den üblichen sechs Mahlzeiten noch einen Pool-Brunch am Vormittag. Mal Bayrisch mit Weißwurst und Brezeln, heute Afrikanisch mit den exotischsten Fleischsorten. Diejenigen, die sowieso immer meckern, motzen weiter und andere, die sich bisher noch nie beschwert haben, finden nun auch endlich Gründe.

„Am Seetag gibt es überhaupt nichts zu sehen“, beschwert sich gerade eine ältere Dame an meiner Rezeption und klopft rhythmisch mit dem Bügel ihrer Sonnenbrille auf den Tresen. Lydia, meine Rezeptionistin aus der Ukraine, die sonst sehr wortgewandt ist, zuckt hilflos mit den Schultern. „Haben Sie schon das heutige Sudoku gelöst?“, versucht sie es mit einem Lächeln. „Bereits vor dem Mittagessen. Das war übrigens das gleiche wie letzte Woche“, entgegnet die Dame nun noch mürrischer und Lydia ahnt, dass sie den Gast nicht so schnell wieder los wird.

Auf meinem Sonnendeck, auf Deck 6, ereignet sich auch gerade eine unschöne Szene. Eine der Damen hat es gewagt, sich auf eine freie Sonnenliege zu legen, auf der bisher immer Arno, der Suppenfabrikant lag. Als Arno vom Mittagsschläfchen in der Kabine zurück an Deck kehrt, findet er „seine“ Liege besetzt vor. In lautstarkem Ton blafft er die Frau an. Sie erhebt sich jedoch nicht. „Hier lag nicht mal ein Handtuch auf der Liege, also bleibe ich hier liegen.“ Daraufhin kippt Arno die Liege leicht an und die Frau gleitet unsanft auf den Boden. Ihre Schreie locken neben einigen Passagieren zum Glück auch den Deck-Steward herbei, der versucht, den Liegenstreit zu schlichten. Noch ein Seetag bis Mauritius, denke ich, es wird Zeit, dass Land in Sicht kommt.

Stern und Schlüssel des Indischen Ozeans!

 

Das ist der Wahlspruch von Mauritius und tatsächlich ist es so, als ob sich ein Schlüssel im Schloss umdreht, als ich in den Hafen von Port Louis nach sieben Seetagen einlaufe. Cornelia und Wilfried haben nach den ganzen Kapitänstischen einen freien Tag bekommen und sind auf dem Weg zu einem der traumhaften Strände. Alle Passagiere, wirklich alle, springen nacheinander an Land und das, ohne zu drängeln oder gar zu meckern. Selbst Arno lässt einer Dame galant den Vortritt an der Gangway. Heaven is a place on earth, denke ich.

Der Lektor bespricht mit Helga das Abendprogramm. Ich liege heute overnight im Hafen und er plant auf dem Pool-Deck einen Vortrag über den nächtlichen Sternenhimmel zu halten. Alles scheint prima, doch mein Kapitän auf der Brücke hat eine dicke Sorgenfalte auf der Stirn. Eben bekam er ein Fax der Reederei. Der Anlauf von Maputo in zwei Tagen wurde aufgrund politischer Turbulenzen mit sofortiger Wirkung gestrichen. Der Kapitän kneift die Augen zusammen und starrt auf das Meer hinaus. „Das wird garantiert wieder zu einem Aufruhr der Passagiere führen“, murmelt er wissend vor sich hin und beschließt, diese Ansage erst am Abend vor dem Reiseziel über den Bordlautsprecher zu verkünden. Warum sollte er den Gästen heute schon die Laune im paradiesischen Mauritius verderben?

 

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Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein