Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 18: Auf den Spuren von Napoleon

Schüppy
Illustration: Boris Noruschat

Folge 18: Auf den Spuren von Napoleon  

Das Geheimnis der Walfischbucht

 

Ich liege im Hafen von Walvis Bay, Namibia. Von meinen Passagieren ist kein einziger mehr an Bord. Schon früh am Morgen sind sie aufgebrochen, um die nahe Namib-Wüste und die Stadt Swakopmund zu erobern, die einst eine deutsche Kolonie war. Ich habe einen schönen Blick in die Bucht und kann im Wasser Delfine und an Land Flamingos beobachten.

  Alles könnte so richtig idyllisch sein, wenn nicht auf meiner Brücke betretenes Schweigen herrschen würde. Dienst haben heute Vormittag meine Erste Offizierin Cornelia und mein Zweiter Offizier Wilfried. Die Zwei sind ja seit der Südseestrecke auf meiner Weltreise ein Paar und selbst mein gestrenger Kapitän duldet diese Verbindung. Schon in Südafrika zeichnete sich ab, dass es etwas gibt, was Cornelia bedrückt. In Durban war sie allein auf Landgang unterwegs und auch in Kapstadt hatte sie es vermieden, mit Wilfried unterwegs zu sein. Soeben hatte er sich vor ihr aufgebaut, sie unsanft an den Armen gepackt und ganz gegen seine Gewohnheit geschrien: „Wenn du mir jetzt nicht endlich sagst, was los ist mir dir, dann … !“ Weiter kam er nicht, denn Cornelia war zu seiner Überraschung in Tränen ausgebrochen. Er hatte sie sofort erschrocken losgelassen.

Das Schweigen zwischen dem Paar dauert nun schon ganze zehn Minuten an. Schließlich wendet sie sich ihrem Freund wieder zu und sagt mit fester Stimme: „Ich war in Durban bei einem Arzt an Land. Ich bin schwanger!“ Dümmlich blickt er nun drein, der Zweite, und ich mache mir Gedanken, ob er nicht weiß, wie das so geht mit der Fortpflanzung seiner Artgenossen. „Aber“, stammelt er zunächst hilflos, „der, der Kapitän bringt mich um!“ Dann tritt er auf sie zu, schließt sie in seine Arme und wirbelt sie ausgelassen durch die Luft. Trotz seiner Worte spüre ich seine tiefe Freude. So geht es auch Cornelia, sie beginnt zu strahlen und ruft: „Du freust dich?“ „Na, klar“, ist seine Antwort, „du bist die Frau meines Lebens.“ Cornelia lacht erleichtert auf, ihre Mütze fällt ihr dabei vom Kopf, aber das ist jetzt egal. Dann küsst sich das Paar innig. Als Cornelia endlich wieder Luft bekommt, japst sie: „Aber, bitte, Wilfried, noch zu niemand ein Wort, vor allem nicht zum Kapitän, ich bin erst in der sechsten Woche.“ „Keine Sorge“, versichert ihr Freund, „das bleibt vorerst das Geheimnis der Walfischbucht.“

 

St. Helena – das Spiel ist aus

 

Zwei Tage später liege ich auf Reede vor Jamestown, der Hauptstadt von St. Helena. Sie wissen bestimmt, dass Napoleon hierher einst verbannt wurde und auch auf der Insel 1821 starb, oder? Meine Weltreisenden scheinen ähnlich zu empfinden. 101 Tage sind sie heute auf den Tag schon mit mir auf Kreuzfahrt unterwegs. Das ist eine lange Zeit und da ihre Weltreise in zwei Wochen enden wird, spüren auch sie eine gewisse Endlichkeit ihres großen Traums. Suppenfabrikant Arno hat es gestern Abend beim Essen an seinem Tisch auf den Punkt gebracht: „Wir müssen jetzt noch jedes Highlight mitnehmen, was sich uns auf der Reise bietet. Sei es noch so gefährlich. Wer weiß, ob jemals einer von uns noch einmal auf Weltreise gehen kann. Dabei meine ich nicht die Kohle, ich meine die Gesundheit.“ Eifrig und beeindruckt hatten alle Tischgenossen genickt und wie ein Lauffeuer hatte sich am Abend die neue Parole über alle meine Decks verbreitet!

Die schwindelerregende und 699 Stufen hohe Jakobsleiter in Jamestown ist heute nun als die Herausforderung des Tages von den Weltreisenden als Event auserkoren worden. Diese gilt es auf Teufel komm raus zu erklimmen, ohne Rücksicht auf Höhenangst, Trittfestigkeit oder andere Einschränkungen, die meine Passagiere altersbedingt mitbringen. Der Kapitän beobachtet das Treiben durch sein Fernglas besorgt von der Brücke. Vom Meer aus sehen die Passagiere aus wie kleine Ameisen. „Warum tun die sich das an?“, wendet er sich schließlich kopfschüttelnd an Chefhostess Helga. „Die letzten Abenteuer erleben“, ist ihre Antwort, „mit jedem Tenderboot kommen ungefähr zehn Passagiere mit, die direkt ins Hospital gebracht werden oder selbst dorthin humpeln. Der Doktor hat mit seinem Team Hochkonjunktur.“ Die Silbe „junk“ betont sie speziell.

  Als ich später aus dem Hafen schüppere (ha), sind insgesamt zwei Paare weniger an Bord. Zwei Damen und ihre dazugehörigen beiden Männer sind nämlich so stark auf der steilen Steintreppe gestürzt, dass ihre Weltreise nun im Hospital auf St. Helena endet.

 

Ich soll schöner werden 🙂

 

An den Seetagen bis zu den Kapverdischen Inseln beruhigen sich die Gemüter an Bord wieder und die Wunden heilen nach und nach. Mein Kapitän hat alle seine Offiziere, Helga und sogar den Doktor auf der Brücke versammelt. Aufgeregt wedelt er mit einem Fax, das heute Morgen von der Reederei kam. Er berichtet seinem Führungsteam, dass der Endhafen der Weltreise im September nicht wie ursprünglich geplant Genua sein wird, sondern Lissabon. „Aber“, wirft Helga ein, „dann müssen alle Passagiere, die per Flugzeug abreisen wollen, umgebucht werden. Und die mit Bussen nach Hause reisen, ebenfalls. Das ist ein riesengroßer, logistischer Aufwand.“  „Richtig“, bestätigt der Kapitän, „da haben Sie mit ihrem Team in den nächsten vierzehn Tagen gut zu tun.“ Helga schnaubt ein wenig abfällig, sagt aber kein Wort. Doch ihr Gesicht spricht Bände.  „Von Lissabon nach Emden haben wir dann mehr oder weniger eine Leerfahrt. Es kommen nur ein paar Reisebüroexpedienten und Handwerker an Bord.“

  Nun beginne ich, mir Gedanken zu machen. Was hat denn die Reederei mit mir vor? Eigentlich sollte ich nach der Weltreise einige Kreuzfahrten ins westliche und östliche Mittelmeer unternehmen. Die Routen scheinen gestrichen worden zu sein. Ob man mich, so jung wie ich noch bin, verbannen will? Sollte meine erste Weltreise meine letzte sein?

Cornelia rechnet still für sich die nächsten Wochen durch. Wilfried sucht ihren Blick, doch sie weicht ihm aus. „Was ist denn der Grund für den neuen Kurs?“, fragt sie mit absolut sachlicher Stimme, der keine einzige Emotion anzumerken ist. „Das ist eine Frage nach meinem Geschmack“, freut sich der Kapitän und nickt ihr anerkennend zu. Gespannt schaut ihn sein Leitungsteam an. Er nimmt wieder das Fax zur Hand. „Unsere MS Schüppy soll noch schöner werden. Wir kehren nach dem Stopp in Emden in das Becken der Meyerwerft zurück.“ Ein Raunen geht durch die Räume der Brücke. Das gab es noch nie! Ich höre was von verglasten Balkonbrüstungen, einem neuen Gesamtanstrich und Änderungen des Teppichbodens und des Mobiliars in meinem Buffetrestaurant.  „Unsere Liegezeit wird nicht länger als zwei Wochen in Papenburg betragen, dann geht es wieder hinaus ins Leben. Zunächst nach Nordamerika und der Winter ist in der Karibik geplant“, versucht der Kapitän seine Mannschaft zu motivieren.

Das Team applaudiert. Der Kapitän sieht zu Cornelia hinüber: „Cornelia, ich muss aus privaten Gründen während der Werftzeit nach Hause, also nach München reisen. Es gibt da überraschend einige Dinge zu regeln. Kann ich mich darauf verlassen, dass Sie hier während meiner Abwesenheit das Kommando übernehmen?“ Cornelia zögert nur eine Sekunde dann ist ihre Antwort: „Aye, Aye, Sir.“ Ich schließe meine Augen, schüttle leicht meinen Bug und frage mich, welche Auswirkungen das Geheimnis der Walfischbucht auf diese neue Lage haben wird. Ihr werdet es erfahren, in meinen nächsten Folgen.

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Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 17 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
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