Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 19: Alles hat ein Ende – auch eine Weltreise

Schüppy
Foto: Illustration Boris Noruschat

Folge 19: Alles hat ein Ende – auch eine Weltreise

Die MS Schüppy ist das Paradies!

 

Am frühen Morgen um 6 Uhr erreiche ich den Hafen von Lanzarote, Arrecife. Hinter den beeindruckenden schwarzen Feuerbergen geht die Sonne gerade als roter Ball auf. Solche Szenen liebe ich. Auf meinen Außendecks ist jedoch kaum ein Passagier zu sehen, denn wir laufen ja nur in den Hafen von Lanzarote ein. Das ist den meisten Weltreisenden nun anscheinend zu unspektakulär. Morgens beim Anlauf von Rio, Kapstadt oder Sydney drängelten sie sich um diese Zeit bereits in Zweierreihe an der Reling. Doch nun haben sie andere Probleme, die Abreise steht kurz bevor, denn in zwei Tagen endet meine viermonatige Reise um die Welt im Hafen von Lissabon. Der eigentliche Endhafen Genua wurde kurzer Hand von der Reederei geändert. War das eine Aufregung in den letzten Tagen gewesen, doch meine Chefhostess Helga hat es letztendlich mit ihrem Team geschafft, alle Flüge und Bustransfers in Richtung Deutschland umzubuchen.

Die meisten meiner Weltreisenden haben bereits vor einigen Tagen begonnen, ihre Koffer zu packen. Das scheint auch nicht einfach zu sein, denn einige Passagiere haben während der Reise so viele Souvenirs gekauft, dass nun ein weiterer Koffer her muss. So sehe ich später nach dem Anlegen einige von ihnen in die Stadt trotten und mit großem, aber leerem Gepäck zurückkehren.

Und es herrscht Wehmut an Bord. Vorbei scheinen die Gedanken an die so langweiligen Seetage zu sein, an das sich wiederholende Essen, an die zahlreichen Lagerkoller, und daran, dass in Chile oft Nebel herrschte, sodass sie die Gletscher nicht sehen konnten! Suppenfabrikant Arno hat es heute Morgen beim Frühstück auf den Punkt gebracht: „Der Rausschmiss aus dem Paradies steht kurz bevor. Ich habe überhaupt keinen Bock, zu meinen Dosen zurückzukehren.“ Alle am Tisch hatten genickt, obwohl sie selbst sicher keine Dosen im Kopf, dafür aber vermutlich andere Gründe habe, nicht unbedingt nach Hause zu fahren. Ich habe mich gefreut, denn welches Kreuzfahrtschiff mag nicht gern als Paradies bezeichnet werden!

 

Kaffeekränzchen auf der Brücke

 

Trotz der nahen Abreise sind meine Passagiere und die Crew später so gut wie alle an Land gegangen. Am morgigen Seetag bleibt ihnen auch noch Zeit genug, das Reisegepäckproblem zu lösen. Ich liege inzwischen nicht mehr alleine im Hafen. Direkt hinter mir hat eine Dein Dampfer-Schwesterfestgemacht und auf der anderen Seite eine riesengroße, amerikanische Lady. Endlich mal wieder ein Smaltalk im Hafen! Die Dein Dampfer 3ist ganz interessiert an meiner Weltreise und vor allem, wie es sich anfühlt, so lange weg zu sein und immer die gleichen Passagiere an Bord zu haben. Sie fährt bisher leider nur immer die üblichen Ein- oder Zwei-Wochenreisen im Kreis. Gern beantworte ich ihr alle Fragen und ich fühle wirklich Respekt mir gegenüber. Dabei ist sie so viel größer als ich und schon viel länger auf den Meeren unterwegs.

  Cornelia, meine Erste Offizierin, schiebt derweil Wache auf der Brücke. Sie sieht blass und ein wenig übernächtigt aus. Gegen Mittag bekommt sie Besuch von meiner Chefhostess Helga, die nicht an Land gegangen ist. Helga bringt zwei Tassen Kaffee mit, doch Cornelia schüttelt mit dem Kopf. „Was ist los mit dir?“, will Helga wissen. „Nichts, ich mag nur keinen Kaffee“, erwidert Cornelia und kann ein leichtes Würgen nicht unterdrücken. Helga, die über eine fantastische Menschenkenntnis, verfügt, antwortet: „Weiß es der Kapitän schon?“ „Was?“, ist Cornelias Antwort, aber ihre Stimme klingt ein wenig schrill. Helga streicht über den Bauch der Kollegin und meint: „Na, das.“ Cornelia wird rot, dann blass. Helga schiebt ihr einen Stuhl hin, dankbar setzt Cornelia sich.

„Ich möchte es nicht vor der zehnten Woche sagen und ich möchte meinen Auftrag erfüllen, die Überführung des Schiffes bis nach Papenburg. Also das Kommando, das mir der Kapitän übertragen hat, während er ab Lissabon seinen kurzen Landurlaub aus familiären Gründen nimmt.“ Helga blickt die junge Frau eine Weile an, dann sagt sie: „Das kann ich verstehen und außerdem bin ich dann ja auch an deiner Seite. Der werdende Vater ist aber informiert, oder?“ „Klar“, ist Cornelias Antwort und sie beginnt zu strahlen. „Er freut sich schon jetzt und ist so stolz.“ Liebevoll und fast ein wenig mütterlich, drückt die Hostess die Hände der werdenden Mutter. Die Tür zur Brücke öffnet sich und der Kapitän tritt ein. „Ach, Kaffeekränzchen?“, fragt er gut gelaunt. Als Antwort erhält er ein zweifaches, lautes „Ja“!

 

Let´s go to San Francisco …

 

Nach einem letzten Seetag schüppere (ha!) ich morgens um 8 Uhr unter der Brücke Ponte 25 de Abril hindurch und den Tejo hinauf in Richtung meines Liegeplatzes im Hafen von Lissabon. Ich stelle fest, dass die Autos, die über die Brücke fahren, Geräusche machen wie summende Bienen. Heute sind alle Passagiere an Deck. Die Reederei hat zum Abschluss zu einem Abschiedsprosecco geladen und es herrscht gegenüber den letzten Tagen fast Hochstimmung. Schnell werden noch Adressen getauscht, letzte gemeinsame Fotos mit einigen Crewmitgliedern gemacht und diejenigen, die das Glück haben, in Lissabon von Freunden und der Familie abgeholt zu werden, verrenken sich an der Reling fast den Hals.

Chefhostess Helga wird gefeiert wie ein Popstar und nicht nur von den Damen geherzt und gedrückt. Sie erträgt es tapfer und lächelnd. Viele Passagiere sind sich einig, dass dies ja nicht ihre letzte Weltreise gewesen sein kann. Warum nicht auch mal um die Nordhalbkugel fahren, nach San Francisco einlaufen und den Zauber Asiens entdecken? Schließlich sehe ja die Lissaboner Brücke der in San Francisco schon ähnlich. So retten sich viele in Träume, aber im Laufe meines kurzen Schiffslebens habe ich schon gelernt, dass Menschen immer neue Träume brauchen, wenn alte enden.

Nachdem ich unmittelbar vor dem alten Stadtzentrum angelegt habe, stürmen meine Weltreisenden von Bord. In die Busse, in die Taxen und einige in die Arme ihrer Lieben. „Oma, Oma, Oma“, ruft ein kleines Mädchen von vielleicht sieben Jahren, „ich habe dich so vermisst.“ Ich sehe, dass die Frau, die das kleine Mädchen umarmt, die Frau von Arno ist und freue mich mit der Kleinen und der Oma. Die Übergabe des Kommandos auf meiner Brücke hat zwischen dem Kapitän und Cornelia schon vor dem Einlaufen in den Hafen stattgefunden.

Als schließlich die Decks so gut wie leer sind, schultert auch mein Kapitän seinen Seesack und geht in langsamen Schritten die Gangway hinunter. Er dreht sich am Kai nochmals um und blickt zur Brücke hinauf. Cornelia steht auf der Nok und winkt ihm. Demonstrativ nimmt er seine Mütze ab, steckt sie in den Sack und ruft: „Ahoi und gute Fahrt, wir sehen uns in Papenburg!“ „Zu Befehl, Sir“, ruft Cornelia. Seine Antwort ist ein breites Lächeln, dann dreht er sich um und geht in Richtung Zollgebäude.

Cornelia blickt ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen ist. „Mal sehen, wann sie mir von dem Baby erzählt“, denkt er. „Aber sie wird ihre Sache schon machen und wie unfair wäre es doch gewesen, ihr die Chance dieses einzigartigen Kommandos zu nehmen und nur wegen einer Schwangerschaft ihr einen Mann vor die Nase zu setzen.“ Sie fragen sich jetzt bestimmt auch, seit wann der Kapitän über die Schwangerschaft Bescheid weiß, oder? Ich auch! Helga hat es ihm jedenfalls nicht erzählt, da bin ich mir ganz sicher!

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Brina Stein
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Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 17 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
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