Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 20: Das große Finale auf der Ems

MS Schüppy
Illustration: Boris Noruschat

Folge 20: Das große Finale auf der Ems

 

Blaumänner an Bord der MS Schüppy

 

Ich stapfe schon an Tag zwei die Biskaya entlang. Ich wackle hübsch herum bei Windstärke 8. Die Wellen sind bis zu drei Meter hoch und peitschen an meinen Fenstern entlang. Meine Weltreisenden sind in Lissabon ausgestiegen und dafür eine ganze Armee an Handwerkern aufgestiegen. Ich befinde mich auf der Fahrt in die Werft nach Papenburg. Dort erwarten mich nur eine Routinekontrolle meiner Maschinen und kleinere Umbauten, also nichts Schlimmes. Die Handwerker sind alle sehr nette Jungs. Sie pinseln an mir herum und obwohl ich doch noch so gut wie neu bin, werden einige meiner Teppichböden bereits ausgetauscht. Teilweise wurden in Lissabon auch neue Bestuhlungen eingeladen. Das verstehe ich zwar nicht, kann es aber auch nicht ändern.

Abends sitzen nun in meinem Restaurant die Blaumann-Jungs, die haben vielleicht einen Appetit! Es finden nun immer Buffets statt anstelle der mehrgängigen Menüs am Platz. An manchen Abenden kommen die Servicekräfte kaum mit dem Nachlegen der Speisen hinterher. Neben großem Hunger haben die Handwerker auch viel mehr Durst als meine Passagiere auf der Reise. Ob die Biervorräte bis Papenburg reichen, kann ich heute nicht sagen. Der Food & Beverage-Manager hat jedenfalls schon mit dem Proviant-Manager meine Laderäume inspiziert und sah danach nicht glücklich aus. Seekrank werden die Arbeiter offensichtlich trotz der Herbststürme nicht. Die sind standfest – in jeder Beziehung. Gelegentlich, wenn sie auf meinen Außendecks werkeln, bekommen sie auch mal eine kleine Wellendusche ab, doch sie lachen dann nur und arbeiten weiter.

Meine Chefhostess Helga ist abends dazu abgestellt, die Jungs zu unterhalten, denn natürlich haben wir keine Gastkünstler auf dieser Überfahrt an Bord. Die Handwerkertruppe steht aber weder auf Bingo noch auf ihre Quizfragerunden. Sie sind nämlich froh, auch mal Feierabend zu haben, den sie viel lieber in Ruhe genießen würden. Doch die Reederei hat diese Abendunterhaltung angeordnet. Da müssen Helga und die Jungs jetzt gemeinsam durch.

 

Lalalalalalalalala …

 

Neben den Handwerkern hat Helga aber noch eine andere Herausforderung in diesen Tagen zu meistern. In Lissabon ist ein Journalist an Bord gekommen, der über meine Fahrt nach und den Routine-Check in Papenburg für eine große deutsche Tageszeitung einen Artikel schreiben soll. Der wirkt auf den ersten Blick sehr sympathisch, tut aber so, als ob er selbst der Reeder sei. Er hinterfragt ständig jeden Arbeitsprozess der blauen Truppe und findet sogar Mängel an mir, die eigentlich gar nicht da sind. Bis jetzt habe ich ihn noch kein einziges Mal ohne seine Fotokamera auf meinen Decks gesehen. Er bewohnt feudal die Eignersuite und weigert sich, den Room-Service in Anspruch zu nehmen. Er isst am Abend lieber im Restaurant mit den Handwerkern, die bedingt durch seine ständige Fragerei auch schon genervt reagieren.

Außerdem ist er Dauergast auf der Brücke bei meiner Ersten Offizierin Cornelia, die diese Fahrt als Kapitänin absolviert. Ihr muss er immer die Fotos vorab zeigen, die er dann in den Sozialen Medien veröffentlicht. Das ist eine Auflage der Reederei. Natürlich hat er auch irgendwie erfahren, dass Cornelia ein Baby erwartet. Zu sehen ist davon natürlich noch nichts und trotz des Seegangs ist ihr derzeit nicht übel.

Als er sie gestern auf ihren Zustand ansprach und, ob so etwas überhaupt tragbar sei für ein Kommando, hat sie ihm nur geantwortet: „Ich bin schwanger und nicht krank. Über diese Tatsache wünsche ich übrigens keine einzige Zeile in ihrem Artikel zu lesen. Ist das klar? Das ist meine Privatsache.“ Da ist der Schreiberling zusammengezuckt, als ob ihn eine Tarantel gestochen hat. Gefühlt hängt er aber nun noch mehr als zuvor auf der Brücke herum. Ob er auf irgendetwas wartet? Ich schüppere (ha!) indessen weiter durch das Meer und summe die bekannte Biscaya-Melodie vor mich hin.

 

Zurück in der Wiege der Kreuzfahrtschiffe

 

Einige Tage später mache ich an der Pier in Emden fest. Nach der stürmischen Biskaya war der Ärmelkanal platt wie ein Ententeich. Verstehe doch einer diese Weltmeere. Nun beginnt die Sensation, ich, die MS Schüppy, fahre nun rückwärts die Ems wieder hinauf nach Papenburg, meinem Geburtsort. Viele Schiffe haben die Meyerwerft auf diesem Weg schon verlassen. Ich bin das erste, das auf diesem Wasserweg zurückfährt! Dementsprechend sind die Ufer rechts und links der Ems mit einigen Tausend Menschen gefüllt. Ich kann sogar zahlreiche Fernseh-Teams an Land erkennen. Das ist aufregend für mich. Cornelia steuert mich mit einer Routine, als ob sie jahrelang nichts anderes gemacht hätte. Wenn sie schwangerschaftsbedingt doch mal eine Pause einlegt, übernimmt ihr Freund und mein Zweiter Offizier Wilfried das Kommando. Die Zwei sind ein hervorragendes Team und ich höre wirklich schon die Hochzeitsglocken läuten.

Dem Journalist wurde für die Ems-Passage der Zutritt zur Brücke untersagt und Helga versucht daher, ihn an Deck bei Laune zu halten. Selbst meine Blaumann-Jungs stellen hin und wieder das Arbeiten vor Staunen ein, wenn wir eine besonders schmale Stelle passieren. Schließlich biege ich um die Ecke und sehe die große, graue Halle, aus der ich einst schlüpfte. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Auf dem Deich davor erblicke ich meinen Kapitän, der wohlwollend nickt und zur Nock hinaufwinkt. Kurz kommen Cornelia und Wilfried nach draußen, winken zurück und dann passiert es.

Als die Motoren ausgehen, schnappt sich Wilfried das Mikrofon und seine Stimme ist nicht nur auf mir, sondern weit über Land hin hörbar: „Liebe Cornelia, du bist die Frau meines Lebens und die MS Schüppy hat uns zusammengeführt. Zu meiner großen Freude werden wir nicht mehr lange allein sein, denn auf der Weltreise ist aus unserer Liebe ein Kind entstanden. Daher frage ich dich hier und heute an der Ems: Willst Du meine Frau werden?“ Ich höre nur ein „Ja“ und dann ein Schluchzen. Ich weine vor Freude mit, wie hunderte Menschen an der Pier ebenfalls. Was für ein Finale auf der Ems! Sogar mein Kapitän an Land hat eine Träne in den Augen und murmelt: „Dass sie es mir so sagen, hätte ich nicht gedacht!“

 

Liebe Leser,

heute habe ich noch einen Nachsatz. Sie konnten nun 20 Folgen mit mir lesen und ich hoffe, Sie immer gut unterhalten zu haben. Mich, die MS Schüppy, wird es natürlich weitergeben, aber nicht mehr monatlich. Künftig schüppere ich nur noch viermal im Jahr mit einer neuen Geschichte auf den Meeren dieser Welt herum, ein bisschen so wie Das Traumschiffim Fernsehen. Wir lesen uns also am Weihnachtsfest wieder. Bis dahin wünsche ich Ihnen erst mal einen schönen Herbst!

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Brina Stein
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Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 17 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
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