Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 6: Rund um Westeuropa oder der Korb, der nicht aus Obst war

Illustration: Boris Noruschat
Illustration: Boris Noruschat

Folge 6: Rund um Westeuropa oder der Korb, der nicht aus Obst war

Hamburg, meine Perle! Schön liege ich am Grasbrook-Terminal und bin hinter dem Cruise-Center in der Hafencity, was manche Leute nur „Blechhalle“ nennen, fast gar nicht zu sehen. Trotzdem erblicke ich einen Teil der Speicherstadt und schließlich auch den ersten Transferbus, der den Hafen erreicht und aus dem – wie kann es anders sein – die Reederstochter springt.

Sie muss natürlich nicht bis zum offiziellen Check-in um 13:30 Uhr warten, sondern wird sofort über Umwege an Bord geschleust. Ihr erster Weg führt auf die Brücke. Zu meiner Überraschung gibt es innige Küsse von ihr mit dem Ersten Offizier. Als sie sorgenvoll auf sein immer noch leicht blaues Auge deutet, erklärt dieser, dass er mit einem Hebel im Maschinenraum zusammengestoßen wäre. Nun ja, Ivan, den Security-Chef, als Hebel zu bezeichnen, hat auch was aus meiner Sicht und ich verkneife es mir zu husten.

Liebe hat total versagt in Amsterdam

Mein erstes Ziel bei der Kreuzfahrt rund um Westeuropa ist Amsterdam. Da liegen wir nun zwei Tage über Nacht, „Overnight“ sagt der erfahrene Kreuzfahrer dazu. Mein Publikum scheint auf dieser Reise ein wenig jünger zu sein und so dauert meine Poolparty am ersten Abend bis weit nach Mitternacht. Das ist fast so lustig wie mit den Expis damals. In der Crew-Bar ist bis morgens um 4 Uhr ebenfalls die Hölle los.

Zwei Tage haben meine Gäste nun die Möglichkeit, Amsterdam, die Hauptstadt der Niederlande, mit seinen Grachten, den Diamanten und dem Museumsviertel zu erkunden. Das machen die Passagiere auch, nur auf der Brücke bahnt sich Streit an. Es geht um den Landgang. Der Zweite Offizier, der eigentlich am Abend mit seinem freien Ausgang dran wäre, tauscht zähneknirschend seine Wache mit dem Ersten. Es kostet den Ersten immerhin stolze drei Flaschen Rum. Und was macht der? Anstatt mit seiner Freundin romantisch Amsterdam by night zu genießen, geht er mit ein paar Kumpels aus der Maschine aus. Reichlich lädiert kehrt erst in den frühen Morgenstunden zurück an Bord. Ziel war das Rotlichtviertel gewesen. Der Reederstochter reicht es nach dieser Eskapade gründlich. Klipp und klar erklärt sie ihm, dass er sich seinen Heiratsantrag in den Schornstein (ich habe hier ein anderes Wort gewählt) stecken könnte, sie stelle sich eine gemeinsame Zukunft anders vor. Er ist verlegen, kratzt sich am Kopf, aber eine Antwort findet er nicht. Wie so oft! Dämlicher kann man nicht reagieren, finde ich. Sehr zu meiner Überraschung bleibt die Reederstochter jedoch an Bord. Ich hätte erwartet, dass sie den Heimweg antreten würde. Die ist wirklich taff oder bezweckt sie etwas anderes? Mittlerweile bekomme ich ein ganz neues Bild von ihr.

Gemüsetag an Bord der MS Schüppy

Weiter schüppere ich (ha) von Amsterdam in zwei Tagen Richtung Vigo, Spanien. Ich holpere ein wenig auf dem Atlantik, denn wir haben starken Seegang. Mir macht das nichts aus, meinen Passagieren schon. Sie genießen die abendlichen Dinner nicht und sind auch sonst wenig an Deck zu sehen. Doch was soll ich machen? Mein Kapitän hat wohlweislich schon die Stabilisatoren eingeschaltet, es nützt aber nichts. Nach zwei Tagen kommen wir in Vigo an und die Passagiere rennen geradezu an Land. Einige schwanken ein wenig, als sie wieder Land unter den Füßen haben. Auf meiner Brücke gibt es ganz andere Sorgen. Hier hat sich der Chefkoch und der Food & Beverage-Manager eingefunden und schildern dem Kapitän ihr Problem: Die LKW-Lieferung mit der Obstfuhre wird aufgrund von heftigen Regenfällen in Frankreich nicht pünktlich bis zur Abfahrt von mir am Abend eintreffen. Helga, meine Kreuzfahrtdirektorin, wurde auch dazugerufen und hört aufmerksam zu. „Wegen des Gemüses kann ich nicht warten, jede zusätzliche Liegestunde kostet uns ein paar tausend Euro“, gibt mein Kapitän zu bedenken. „Obst, es geht um Obst“, hilft der F&B weiter. Der Kapitän macht eine wegwerfende Handbewegung und meint: „Geht es nicht auch mal ohne?“ „Der LKW könnte uns in Barcelona erreichen, aber bis dahin gilt es fast vier Tage zu überbrücken“, versucht Helga zu helfen. „Nachtiisch ohne Obscht“, zischt der Chefkoch nun, „mon Dieu, isch kann nicht saubern.“ Seinen französischen Akzent kann er in seiner Erregung wahrlich nicht mehr unterdrücken. „Wie sollen unsere Kellner alleine die Cocktails ohne Obst servieren?“, gibt nun wieder der F&B zu bedenken und tritt verlegen von einem auf den anderen Fuß. „Ich habs“, klatscht Helga freudig in die Hände, „genug Gemüse haben wir doch noch, wir läuten einfach die Gemüsetage an Bord ein. Ich gehe gleich zu Irina, unserer Fitnesstrainerin, die soll dazu begleitend Ernährungstipps in der täglichen Bordzeitung geben. Da fragt niemand mehr nach Obst!“ „Problem gelöst“, freut sich mein Kapitän und ich sehe, wie er Helga bewundernd hinterherschaut, die im Laufschritt die Brücke verlässt.

Es surrt eine Weltreise heran

Der Plan von Helga geht auf. Nicht ein Gast fragt in den nächsten Tagen, warum es kein Obst gibt, nicht mal zum Frühstück. Im Gegenteil, Irinas morgendliche „Walk-a-mile-Runde“ ist so gut besucht wie nie. Der Anlauf von Lissabon wird nicht nur für die Gäste besonders. Als ich artig unter der Brücke des 25. April in Richtung Liegeplatz fahre, surrt es wie verrückt. Ich erschrecke mich, sehe doch dann, dass dieses Geräusch von den darüberfahrenden Autos kommt. Was es nicht alles zu entdecken gibt auf dieser Welt. Hätte mir das jemand in der Werft gesagt, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Der Aufenthalt in Lissabon verläuft relativ ruhig. Nur ganze drei Gäste wurden in der schwarz-weiß gekachelten Hauptstraße von Trickdieben beraubt. Eine Warnung stand aber im Tagesprogramm, so ist meine Reederei fein raus. Die Reederstochter hat seit Amsterdam nicht mehr die Brücke betreten. Dafür hat sie sich mit Helga angefreundet und interessiert sich für ihr Berufsbild. Die Kreuzfahrtdirektorin freut das natürlich. Unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit erzählt sie ihrer neuen und um viele Jahre älteren Freundin, dass sie genau weiß, dass ich, die MS Schüppy, schon Ende Oktober zu einer Weltreise starten werde. Die Reederei bereitet aktuell alles für die Weltreise hinter den Kulissen vor. Ich bekomme Schnappatmung! Nach meinem Wissensstand sollte ich den Winter im Mittelmeer und auf den Kanaren verbringen. Nun darf ich einmal um die Welt fahren? Helga verspricht, das zunächst für sich zu behalten.

Abschied in Barcelona

Nach Cádiz laufen wir am letzten Tag dieser Reise in Barcelona ein. Ich staune mal wieder, wie viele große Kollegen da bereits liegen, als mein Kapitän mich vorsichtig in den Hafen navigiert. Ich liege ganz vorn, sicher, weil ich die Kleinste bin, aber so haben meine Gäste einen kurzen Fußweg in die Stadt und brauchen auch keinen Transferbus. Gegen Mittag sehe ich, dass die Reederstochter mit ihren Koffern von Bord geht. Zur Brücke winkt sie nicht hinauf, aber sie verabschiedet sich sehr intensiv und liebevoll von Helga. Ich beginne mich zu fragen, was da wohl noch kommen wird. Ob sie mit uns auf Weltreise gehen wird? Ich traue ihr das zu, allerdings sicher unter dem Kommando des momentanen Ersten Offiziers. Dem scheint auch bewusst zu sein, dass ein Abschied bevorsteht, denn ich sehe deutlich, dass er auf seinem Smartphone in den Pausen auf der Brücke Stellenangebote auf anderen Schiffen studiert. Mein Leben auf dem Meer ist und bleibt spannend.

 

 

 

 

 

Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein