Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 8: Die Sache mit dem Meltemi

Folge 8: Die Sache mit dem Meltemi 

Auf der Brücke wird es niedlich

Kaum haben wir im Hafen von Barcelona festgemacht – ich liege wieder auf dem Liegeplatz, der der Stadt am nächsten ist – springt mein Erster Offizier auch schon auf die Pier. Er hat abgemustert. Mein Kapitän ist ein wenig traurig, doch der Reeder, der heute an Bord kommt, um die anstehende Weltreise zu besprechen, hat einen hervorragenden Ersatz versprochen.

Um 11 Uhr will Sergio, so heißt mein Reeder, eintreffen und mein Kapitän und Chefhostess Helga stehen pünktlich an der Gangway zum Empfang bereit. Ein Taxi fährt vor und die zwei erkennen einen Mann und eine Frau, die auf der Rückbank im Auto sitzen. „Er bringt doch seine Tochter mit“, freut sich Helga. Aber als sich die Autotüren öffnen, steigt eine schwarzhaarige Frau aus. „Das ist nicht seine Tochter“, weiß der Kapitän. „Na, seine Frau ist es aber auch nicht“, sorgt sich Helga bereits und versucht tapfer, alle Gedanken, die ihr in den Kopf schießen, zu verdrängen. Sergio kommt näher und die uns noch unbekannte Frau ruft aus: „Ist die niedlich!“ Helga, die ihr entgegengeht, zuckt zusammen. Da versteht die Frau und lacht: „Entschuldigung, ich meinte das Schiff.“ Das ist Musik in meinen Ohren. Auch Sergio lacht und zeigt seine weißen Zähne. Er legt der Frau die Hand auf die Schulter und meint: „Darf ich vorstellen? Cornelia Funke, unser neuer Erster Offizier.“ Die Augen meines Kapitäns weiten sich, doch er behält wie stets die Fassung. „Eine Frau auf der Brücke?“, wundert sich Helga. „Ja, ja“, freut sich der Reeder, „sie wird wirken an Bord wie ein Meltemi. Frau Funke hat die letzten zwei Jahre auf den Neubauten der Reederei der ADIA gearbeitet und ich konnte sie abwerben.“ Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ein Meltemi ist, aber mein Kapitän nickt. Endlich werden kräftig die Hände geschüttelt und die neue Offizierin verspricht, ihr Bestes zu geben, denn schlau, wie sie zu sein scheint, ist ihr die Skepsis ihres neuen Kapitäns nicht entgangen.

Ein fauchendes Tenderboot und Eselalarm auf Santorin!

Schon die ersten Tage an Bord beweist sie allen, dass sie für ihren Job mehr als gut qualifiziert ist. Am Seetag von Barcelona nach Malta übernimmt sie zum ersten Mal das Kommando auf der Brücke, als der Kapitän sich am Nachmittag zu intensiven Gesprächen mit dem Reeder und Helga wegen meiner Weltreise in seine Kabine zurückzieht. Diese grenzt an die Brücke und so ist er nicht weit weg. Ich finde, sie sieht toll aus, wie sie da so auf meinem hohen Steuersessel sitzt und den Horizont mit dem Fernglas beobachtet. Mein Zweiter Offizier schaut sie schon den ganzen Tag wie ein kleines Kind den Weihnachtsbaum an, doch das scheint sie nicht zu interessieren.

Beim An- und Ablegen auf Malta und Kreta assistiert sie dem Kapitän perfekt. So darf sie dann schon selbständig die Ausbootung meiner Gäste mit den Tenderbooten vor Santorin leiten. Der Dritte und Vierte Offizier, die meine Tenderboote führen, versuchen sich mit ihren Fahrkünsten geradezu zu überbieten. Das finde ich albern, beobachte aber zu meiner Schadenfreude, wie der Dritte ein wenig zu schnell Gas gibt und das Wasser meterhoch spritzt, sodass er in seinem Ausguck die volle Ladung ins Gesicht bekommt. Ganz Mann, schüttelt er sich nur ein wenig und braust dann aber deutlich langsamer in Richtung Ufer. „Ich wusste gar nicht, dass Tenderboote fauchen können“, sagt Cornelia am Abend zu ihm in der Crewbar und der gestandene Mann wird rot. Am Abend ist nicht nur in meiner Crewbar was los, sondern leider auch im Hospital. Ein Mann ist vom Esel gefallen, der es vor Erschöpfung nicht mehr die Stufen hinauf geschafft hat. Eine ältere Frau ist auf Eselkot ausgerutscht und ein anderer Mann hat in der Seilbahn einen Kreislaufkollaps erlitten. Der kleine, griechische Archipel, der im Süden der Kykladen gelegen ist, hat heute leider nicht alle Gäste begeistert.

Wunderschönes Mykonos, aber Unstimmigkeiten bei der Routenplanung

Am nächsten Tag ist die Stimmung besser, denn ich liege an der Pier im Hafen von Mykonos, weil ich eben so schön klein bin. Drei große Kolleginnen liegen draußen auf Reede und ihre Tenderboote fahren unermüdlich rein und raus in den Hafen. Eine der „Königinnen“ ist auch da, die „Queen Anne“. Die sieht mit ihrem hohen, schwarzen Bug wirklich majestätisch aus. Bei meiner Einfahrt hat sie mir als Erste zugehupt. Fand ich wirklich nett. Als ich neben ihr vorbeifuhr, wirkte ich mit meiner Größe wie eins ihrer Tenderboote. Am frühen Abend verschwinden die Mädels auf dem Meer. Meine Gäste hingegen genießen den Overnight-Stopp in der nahen Stadt. Die Sonne geht hinter den dunklen Bergen unter und Mykonos-Stadt beginnt zu leuchten und zu glitzern. Als ich am nächsten Tag den Hafen gegen Mittag verlasse, schaue ich zu den Windmühlen und hoffe, dass ich diesen schönen Ort irgendwann einmal wieder besuchen darf.

Meine Hafenplanung ist auch Thema bei Sergio und meinem Kapitän. Sie sind sich nicht einig! Die grobe Route steht natürlich fest, denn der Katalog ist längst in den Reisebüros. Natürlich ist die Reederei befugt, Änderungen vorzunehmen und genau um diese geht es heute. Der Reeder will den schwierigen Anlauf der Falklandinseln streichen, der Kapitän nicht. Dafür möchte der Kapitän ungern Maputo ansteuern, da es dort doch recht gefährlich ist, der Reeder besteht jedoch darauf. So sitzen sie stundenlang auf meiner Brücke und debattieren, bis Cornelia sich schließlich einmischt und diplomatisch vorschlägt, doch erst mal alles wie geplant zu lassen und dann wetter- und situationsabhängig zu entscheiden. So verärgere man die Weltreisenden nicht vorab und auf der Reise können man sich telefonisch immer abstimmen. Das leuchtet den Männern letztlich ein und sie ziehen sich zu einem Versöhnungswhisky in die Kapitänskabine zurück. Auf dem Weg dorthin klopft der Kapitän Sergio auf die Schulter und meint: „Diese Frau ist ein echter Gewinn für unsere MS Schüppy. Sie bringt frischen Wind und klare Sicht, wirklich wie ein Meltemi.“ Der Reeder strahlt. Ich auch, denn inzwischen weiß ich längst, dass der vorherrschende Wind im östlichen Mittelmeer Meltemi genannt wird.

Platzangst im Kanal von Korinth

In Athen treffe ich am nächsten Tag die „Anne“ wieder. Wir liegen Bug an Bug und sie erzählt mir, dass sie den gestrigen Tag auf Reede vor dem Kanal von Korinth verbracht hat. Ich erwähne, dass ich dort morgen hindarf. „Kleine, du bist so schön schlank, dass du sogar hindurchpasst, im Gegensatz zu mir“, seufzt sie, aber in ihrer Stimme schwingt kein Neid mit. Die ist wirklich nett und so vertraue ich ihr an, dass ich mit der nächsten Fahrt zu einer Weltreise aufbreche. Sie freut sich mit mir. Natürlich hat sie schon Weltreisen gemacht und erzählt mir tolle Sachen von der Umrundung des Kap Hoorns und dem Zauber der Südsee. Ich werde richtig aufgeregt. Nur eine Aussage verstehe ich nicht so ganz. „Anne“ meinte, dass eine Weltreise keine normale Kreuzfahrt sei und das hinge nicht nur mit der Länge der Zeit zusammen, die die Passagiere auf mir verbringen würden. Als ich meinen Bug leicht schüttle und sie fragend aus meinen großen Augen ansehe, meint sie: „Das wirst du im wahrsten Sinne des Wortes erfahren.“ Schließlich tauschen wir unsere Routendetails aus und stellen fest, dass wir uns im Hafen von Sydney im März wiedersehen werden. Wir freuen uns beide! Am nächsten Tag schüppere ich (ha) tatsächlich durch den Kanal von Korinth. Rechts und links ragen steile, braune Felswände empor und ich bekomme leichte Platzangst. Nach sechs Kilometern ist die Durchfahrt geschafft und ich gleite wieder auf das offene Meer hinaus. Auf Korfu steigt mein Reeder aus, alle Details zur Weltreise sind geklärt. Ich habe noch einen Seetag vor mir, bevor ich wieder Barcelona erreiche, den Hafen, wo meine erste Kreuzfahrt um die Welt beginnen soll.

 

 

 

 

Brina Stein
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Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 17 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
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