Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 9: Einmal um die Welt ab Barcelona

Illustration: Boris Noruschat
Illustration: Boris Noruschat

Folge 9: Einmal um die Welt ab Barcelona

Ich bin ein Jungbrunnen!

Als wir den Hafen von Barcelona verlassen, spielt mein DJ auf dem Pooldeck das allseits bekannte Lied von Mary Roos: „Einmal um die Welt“. Ich finde das sehr passend und kann es kaum glauben, dass es nun für 115 Tagen auf Weltreise geht.

Was ein Wahnsinn! Besonders in dem Song gefällt mir natürlich die Zeile „im Traumschiff um die ganze Welt“. Ob ich für meine Passagiere nun ihr Traumschiff werde, wird sich zeigen. Ich meine, der Begriff „das Traumschiff“ ist ja schon seit vielen Jahren eindeutig vom ZDF besetzt und ich bin ja doch kleiner als die M/S Amadea. Aber natürlich hoffe ich inständig, dass ich passend zu meiner Traumreise auch das Traumschiff für meine Passagiere werde, von dem sie später ein Leben lang erzählen werden. Klein sind anscheinend auch meine Kabinen! Was hörte ich heute Nachmittag für Schreie meiner Gäste, die sich schwer taten, ihr Gepäck für vier Monate in meinen Schränken unterzubringen. Dachten sie wirklich, meine Kabinen wären gewachsen, nur weil es auf Weltreise geht? Nun, irgendwie haben die Passagiere es geschafft, ihr umfangreiches Gepäck zu verstauen. Die Stewards haben einige Koffer in meinem Bauch ganz unten zwischengelagert und nun ist endlich Party auf dem Deck! So mancher Weltreisender, der es heute Nachmittag mit seinem Stock kaum die steile Gangway hinaufgeschafft hat, schwingt nun wie ein junger Gott seine Hüften bei einer Polonäse, die sich spontan gebildet hat! Interessant diese Weltreisenden! Ich schätze, der Altersdurchschnitt liegt bei 70 plus, was aber auch verständlich ist. Wer kann sich sonst eine Kreuzfahrt erlauben, die vier Monate dauert?

Auf meinen Liegen scheint die Sonne nicht!

An den ersten beiden Seetagen bis nach Madeira müssen sich meine Gäste erst mal sortieren. Nicht das Gepäck, das ist ja erledigt. Nun geht es um die Plätze in meinem Restaurant. An der Rezeption ist die Hölle los, ich höre Sätze wie: „Soll ich jetzt vier Monate lang am Abend auf einen Pfeiler beim Abendessen schauen, das kann doch nicht ihr Ernst sein?“ Ja, natürlich habe ich Pfeiler, aber gibt es die in Restaurants an Land nicht? Andere Gäste beschweren sich schon jetzt, dass Mitreisende in den frühen Morgenstunden mit Handtüchern Liegen reserviert haben. Puh, das kann ja heiter werden und ich denke an die Worte der erfahrenen Kollegin „Anne“ zurück, die mich ja gewarnt hatte, dass eine Weltreise keine normale Reise wäre. Unser Treffen im Hafen von Sydney ist noch lange hin, über zwei Monate. Ich muss sehen, dass ich hier nun zurechtkomme. Bei den Liegen kommt hinzu, dass die Sonne gar nicht scheint an den ersten beiden Tagen, deshalb sind zwar Liegen reserviert, aber es liegt niemand drauf! Auch das reklamieren die Gäste. Den fehlenden Sonnenschein, also dafür kann nun meine Reederei nichts. Mein Reeder Sergio steigt erst in Barbados zu, na, da bin ich sehr gespannt. Der wird sich ja wundern, was schon zu Beginn der Kreuzfahrt um die Welt an Bord abgeht. Als der dritte Tag beginnt und wir die Insel Madeira erreichen, seufze ich erleichtert auf. Die Sonne geht wunderschön über dem Meer auf und es verspricht ein warmer Tag zu werden mit sommerlichen Temperaturen im November.

Die MS Schüppy wird auf Madeira porträtiert

Der Aufenthalt auf Madeira gefällt meinen Gästen und ich bin auch ganz begeistert. Wir haben momentan einen Maler an Bord, einen echten Künstler. Er malt Schiffe und hat in den ersten Seetagen für die Gäste auch Zeichenkurse gehalten. Diese waren sehr gut besucht, weil doch die Sonne nicht schien. Während meiner Liegezeit auf der Blumeninsel zeichnet er meine Schiffsumrisse auf die Kaimauer und malt sie im Anschluss liebevoll aus. Als Nächstes schreibt er das heutige Datum und den Namen der Reederei mit einem Pinsel unter das Bild. Danach fotografiert er alles aus unterschiedlichen Perspektiven und ich bekomme mit, dass er die Bilder in den sozialen Medien hochlädt. Sehr schön, ich werde dadurch bekannter und die Reederei auch.

Mein Kapitän und Helga beobachten das ganze Prozedere von der Brücke aus. Ich höre ihnen aufmerksam zu und lerne, dass die Malerei des Schiffsbildes mit Datum auf der Kaimauer von Funchal eine alte Tradition ist. Früher verewigten sich die Schiffe, die über den Atlantik starteten, hier als letzte Eintragung. Also so wie eine Art Logbuch. Alte Traditionen aufrechtzuerhalten, finde ich toll und der Künstler hat mich auch gut getroffen. Ich sehe weder zu klein noch zu dick aus. Leider liege ich hier heute ganz allein im Hafen ohne eine Kollegin, sodass mir ein wenig der Austausch am Kai fehlt. Die Passagiere genießen den Zauber der Insel bis zum Landgangsende. Uns stehen nun sieben lange Seetage bevor, bis wir die Karibik und damit den Hafen von Barbados erreichen. Ich glaube, die Passagiere haben genau so wie ich vor dieser Woche großen Respekt. Wie wird es werden, wenn ich sieben Tage lang nur schwimme?

Sieben Seetage bringen zu viel Nähe

Die sieben Seetage sind um! Es ist 6 Uhr morgens und in gut einer Stunde werde ich in den Hafen von Bridgetown, der Hauptstadt von Barbados schüppern (ha!). Über das Wetter auf dem Atlantik konnte sich niemand beschweren, sogar auf meinen Liegen schien permanent die Sonne. Leider aber nicht in allen Kabinen. Ein Ehepaar, aus Diskretionsgründen verschweige ich ihre Heimatstadt, nutzte die Zeit, meine Kabine 153 zu verwüsten und sich mit Möbelteilen gegenseitig zu verhauen. Mein Kapitän hat den Schreiner beauftragt. Er wird im Hafen von Barbados an Bord kommen, um meine Kabine wieder bewohnbar zu machen. Für das Paar endet die Weltreise in der Karibik. Die müssen jetzt absteigen wegen Vandalismus an Bord. Als der Kapitän sie auf der Brücke zur Rede stellte, meinte die Frau: „Diese sieben Seetage in der Enge hier waren einfach zu viel. Da kam das ganze Leben aus uns heraus.“ Ich staunte nicht schlecht, dreißig gemeinsame Ehejahre an Land haben eine Woche auf dem Meer nicht überlebt. Wie seltsam Menschen doch ticken. In ihren Gesichtern sind nicht nur blaue Flecken der gegenseitigen Attacken, sondern auch viel Frustration zu sehen. Nun ja, ich blicke nach vorn. Von der Karibik aus wird es in Richtung Südamerika gehen. Besonders freue ich mich auf die Fahrt auf dem Amazonas. Am Heiligen Abend werde ich dann in Rio de Janeiro overnight liegen, wenn das nicht romantisch wird. Ich kneife mein rechtes Auge zusammen. Mit hoher Geschwindigkeit nähert sich am Horizont ein Boot. Mein Kapitän steht auf der Brücke und sagt zu meiner Ersten Offizierin: „Der Lotse kommt, bitte übernehmen sie draußen!“ Cornelia nickt, nimmt das Funkgerät und geht auf die Nok, um die Ankunft des Bootes ordnungsgemäß zu überwachen. Inzwischen sind die Zwei schon ein richtig gutes Team geworden. Der Kapitän drosselt meine Geschwindigkeit um viele Knoten und ich sehe am Horizont die Sonne ganz langsam und purpurrot aufgehen.

 

 

Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein