Plankenschnack: Heute mit Martin Gottschling – Dipl.-Biologe

Jaguar (Brasilien)
Jaguar (Brasilien)

 

Was macht ein Ornithologe?

Martin Gottschling ist Dipl.-Biologe und unser Künstler Boris Noruschat von Kreuzfahrtunikate/ DeineAnkerkette hat ihn an Bord getroffen. Wir freuen uns, dass der vielseitige Ornithologe sich Zeit für unser beliebtes Format Plankenschnack genommen hat. 

Boris: „Martin es freut mich sehr, dass Du heute unseren Lesern einmal einen Einblick in Dein interessantes Berufsleben gibst. Auch ich hatte schon das große Vergnügen, auf einer gemeinsamen Arbeitsfahrt, von Deinem riesigen Fachwissen zu profitieren. In den Caroni-Sümpfen auf Trinidad konnten wir gemeinsam den wunderschönen, leuchtend roten Scharlachsichler in seinem Lebensraum bewundern.“

Martin Gottschling (South Georgia)
Martin Gottschling (South Georgia)

Martin, als Diplom Biologe und Ornithologe/Zoologe hast Du ein weites Feld zur Verfügung. Ornithologie ist ein Teil davon oder hast Du Dich darauf spezialisiert?

Seit meiner frühen Kindheit interessiere ich mich für Tiere, Natur und die ökologischen Zusammenhänge. Dieser Leidenschaft bin ich bis heute treu geblieben. Mir war es immer sehr wichtig, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum und damit in der freien Natur zu sehen und zu beobachten. Daher habe ich schon in jungen Jahren begonnen, viel vor der eigenen Haustür zu schauen. Dabei habe ich mich immer für Vögel interessiert und mich sehr bald intensiv mit dieser Tiergruppe beschäftigt. Später fing ich an die Welt zu bereisen, wo stets die Vögel und Säugetiere im zentralen Fokus standen. Bereits vor meinem Studium der Biologie in Oldenburg war es für mich klar, dass ich nur als Freilandbiologe arbeiten möchte.

Ornithologische Erfassungen sind die Grundlage für viele Umweltverträglichkeitsstudien und Fachgutachten. So habe ich auch schon bereits während des Studiums planungsrelevante, ornithologische Erfassungen gemacht. Nach meinem Abschluss habe ich dann mehrere Jahre auf Schiffen in der Nordsee, für Vogel- und Meeressäuger-Erfassungen zur Planung der Offshore-Windparkgebiete gearbeitet.
In den Jahren danach war ich mehr landorientiert. Inzwischen bin ich selbstständig und arbeite seit 2015 u. a. als Experte/Lektor im Bereich Biologie mit den Schwerpunkten Zoologie, Ökologie, Ornithologie an Bord von Expeditions-Kreuzfahrtschiffen. So habe ich die Möglichkeit, den Gästen tiefere Einblicke in das Thema „Tiere und ihre Ökologie“ zu bieten und mich natürlich auch selber an den tollen Beobachtungen zu erfreuen.

Smaragdspint (Indien)
Smaragdspint (Indien)

Als Ornithologe braucht man sicherlich viel Geduld, Muße und Ruhe. Sind das Eigenschaften die Dich auszeichnen?

Genauso oft muss man schnell sein, Merkmale und Situationen blitzschnell erfassen, sowie scharfsinnig sein. Es kommt immer darauf an, um was für eine Situation es sich handelt. Natürlich ist es essenziell, dass man bei Naturbeobachtungen Geduld hat, man muss u. U. auch mal hartnäckig sein, wenn sich ein Tier vielleicht nicht beim ersten oder zweiten Mal zeigt. Dann braucht es vielleicht noch ein weiteres Mal oder gar einen ganz neuen Anlauf, um Erfolg zu haben.

Aber je mehr Geduld man an den Tag legt, je umsichtiger man ist, desto größer sind natürlich die Chancen, auch entsprechend herausragende Beobachtungen zu machen. Neben dem Beobachten spielt inzwischen die Fotografie für mich ebenfalls eine sehr große Rolle. Für meine Vorträge an Bord verwende ich soweit möglich nur eigenes Bildmaterial. Es geht manchmal ganz schnell ein gutes Foto zu machen, manchmal nützt aber auch das längste Ansitzen nichts. Hier sind dann Geduld und Muße, aber auch Kenntnisse zum Verhalten der Tierart oder auch zum Verhalten des Individuums wichtig und notwendig, um entsprechend gute Bilder zu bekommen.

Wir haben uns auf einem Kreuzfahrtschiff kennengelernt und ich weiß, dass Du auf vielen verschiedenen Schiffen schon tätig warst. Die Arbeit an Bord ist sicherlich anders, als wenn Du direkt in ein Gebiet fährst, um Tiere zu beobachten. Reicht die kurze Zeit mit den Gästen, ihnen auf der Reise genügend zu vermitteln? Und was ist für Dich das Spannende an Bord zu arbeiten?

Es ist natürlich logisch, dass ich als Einzelperson ganz andere Möglichkeiten habe, in einem Gebiete Tiere zu beobachten, als wenn man in einer Gruppe unterwegs ist. Je weniger Personen durch die Gegend streifen, desto einfacher ist es, sich den Tieren zu nähern. An Bord ergeben sich nun hervorragende Möglichkeiten, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden.

Auf dem Schiff halte ich Vorträge mit vielen Informationen und auch Hinweisen zu den Möglichkeiten, was die Gäste beobachten können. Bei den Landgängen kann man dann versuchen, zusammen mit den Gästen entsprechende Beobachtungen zu machen. Vieles hängt natürlich auch ganz von der Region ab, in der man unterwegs ist. Wenn die Reise z. B. mit einem Schiff um Südamerika verläuft, dann kann man immer nur punktuell an Land gehen. Gerade aber z. B. im Regenwald braucht man für entsprechende Beobachtungen auch genügend Zeit, sodass es sich anbieten würde, gleich mehrere Tage in einem Gebiet zu verweilen.

Andere Regionen wie die Arktis oder die Antarktis lassen sich am besten oder ausschließlich mit einem Schiff bereisen. Hilfreich ist es, wenn ich die Region oder den Ort bereits kenne, dann weiß ich, was man vermutlich präsentieren kann. Davon profitieren natürlich unsere Gäste. Letztlich spielt aber neben der ganzen Planung und dem Vorwissen immer noch das kleine bisschen Glück eine Rolle, dass genau an dem Tag und zu der Zeit, wo wir in der Gegend sind oder eine Anlandung machen, alle Tiere dort sind, wo sie sein sollen.

An manchen Orten, wie beispielsweise der Antarktis, ist es oft einfacher, da hier die Tiere in der Regel „einfach da sind“, wo sie sein sollen, besonders wenn es sich um Brutkolonien handelt. Eine einzigartige Möglichkeit besteht natürlich auch darin, dass man diese direkt vom Schiff aus beobachten kann. Das können Seevögel oder Wale sein, die man am besten dort sieht, wo sie ständig vorkommen – auf dem offenen Ozean.

Das Arbeiten an Bord ist eine spezielle Herausforderung, die aber einen riesigen Spaß macht. Man arbeitet in einem gut eingespielten Expeditionsteam, die in der Regel sehr familiäre Zusammenarbeit mit allen Departements an Bord ist toll und die Möglichkeit das eine oder andere „Traumziel“ gleich mehrfach zu bereisen, ist schon ein gewisses Privileg.

Flachlandtapir (Brasilien)
Flachlandtapir (Brasilien)

Martin, als Diplom Biologe und Ornithologe/Zoologe hast Du ein weites Feld zur Verfügung. Ornithologie ist ein Teil davon oder hast Du Dich darauf spezialisiert?

Oh, da gibt es viele Situationen, die inzwischen unvergesslich sind. Ein irres Highlight war mein erster Besuch in der Antarktis, genauso wie eine Reise zu den subantarktischen Inseln südlich von Neuseeland. Aber auch im tropischen Regenwald zu beobachten ist immer wieder beeindruckend schön. Ich habe verschiedene Tiergruppen, die mir besonders am Herzen liegen. Seevögel zum Beispiel. Dazu gehören u. a. Albatrosse, Sturmvögel, Pinguine und Möwen. Aber auch Papageien, Kolibris, Pittas und Paradiesvögel sind spektakulär, diese stammen alle mehr aus dem tropisch, bunten Bereich.

Meine ersten Albatrosse auf See, damals vor Südafrika, waren ein Kindheitstraum. Dass ich dann vor ein paar Jahren sogar einen Albatros in Deutschland sehen konnte – ein Schwarzbrauenalbatros auf Helgoland (im Jahr 2014, der bis 2019 jedes Jahr wiedergekehrt ist), davon wagte ich damals nicht zu träumen. Bei den Säugetieren liegen ganz klar die Raubtiere vorn, z. B. Katzen und Marderartige. Aber auch verschiedene Nagetiere, wie Gartenschläfer, Feldhamster oder die verschiedenen Erdhörnchen mag ich sehr. Die Beobachtungen, die diese Tiergruppen betreffen, haben somit einen sehr hohen Stellenwert. Zu den herausragenden Beobachtungen zählen daher meine Begegnungen mit Tigern in Indien und dem Jaguar in Brasilien, sowie die Sichtung von freilebenden Wölfen in Deutschland.

Adeliepinguin (Antarktis)
Adeliepinguin (Antarktis)

Gibt es auch Pleiten in Deiner Arbeit? Ich meine, man bereitet lange alles vor und dann hatte man keinen Erfolg? Die Tierwelt ist nicht planbar. Gibt es da auch ein Beispiel für uns?

Das passiert natürlich immer wieder einmal, dass etwas nicht so läuft, wie man sich das vorgestellt hat. Für vieles gibt es aber oft eine zweite Chance. Vor ein paar Jahren war ich auf einer organisierten Schneeleopard-Expedition in Nordindien (Himalaya). In dem Jahr war unsere Gruppe die einzige, die keinen Schneeleopard zu Gesicht bekam – und bis heute sind wir immer noch die letzte Gruppe, die erfolglos war. Das war natürlich schon eine Enttäuschung, trotzdem war es eine tolle Reise mit vielen bleibenden Erinnerungen. Und so gibt es einen Grund, noch einmal in diese fantastische Hochgebirgswelt zu reisen.

Ist unsere heimische Tierwelt für Dich auch noch interessant oder zieht es Dich immer wieder in die Ferne?

Die heimische Tierwelt ist für mich nach wie vor sehr interessant, vielleicht haben sich nur die Schwerpunkte ein wenig verlagert. Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich viel intensiver mit den Säugetieren in Deutschland. Bei den Vögeln fasziniert mich nach wie vor das Erlebnis Vogelzug, welches man besonders gut an der Küste oder auf den Inseln, z. B. Helgoland, erleben kann. Und wenn dann so viele Vögel unterwegs sind, lässt sich auch immer wieder die eine oder andere besondere oder seltene Art entdecken. Auf der anderen Seite liebe ich es, auf den verschiedenen Kontinenten unterwegs zu sein, da es dort überall noch so viel zu sehen gibt. Leider verschwinden die Lebensräume überall auf der Welt in einem derart rasanten Tempo, sodass es immer herausfordernder wird, noch rechtzeitig überall hinzukommen.

Hamster
Hamster

Hast Du bei Deinen Reisen selbst schon Veränderungen in der Tierwelt beobachtet. Wo erkennbar war etwas, dass sich zu Deinem letzten Besuch die Population negativ verändert hat?

Wenn man in Deutschland und in der Welt unterwegs ist, bleibt einem das ganz sicher nicht verborgen. Das in rezenter Zeit groß und breit thematisierte Insektensterben vor der Haustür ist den Biologen natürlich schon vor langer Zeit aufgefallen, aber es hat damals keinen interessiert. Ganz erschreckend ist die allgemeine Zerstörung von Lebensräumen. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Tierwelt. Besonders der großflächige Verlust der Wälder ist erschreckend und beunruhigend.

In Indonesien habe ich Vögel im Wald beobachtet, im Hintergrund lärmte die Kettensäge. Ähnlich war es in Vietnam. Gerade in Asien ist das Thema „Wildvogelfang“ sehr verbreitet, einige ehemals sehr häufige Vogelarten sind heutzutage kaum noch zu finden, da sie alle weggefangen wurden. Die Ursachen sind vielfältig, einige Arten werden als Käfigvögel gehandelt, andere für dubiose Statussymbole erlegt. Durch die illegale Zugvogeljagd in vielen Ländern rund um das Mittelmeer und weiter nach Südosten gibt es massive Verluste bei den Zugvögeln. Das spiegelt sich inzwischen auch bei unseren Brutvögeln wieder. Die einst häufige Turteltaube ist heute großflächig verschwunden, da sie millionenfach erlegt wurde und wird.

Aktuell dreht sich auch in Deutschland alles um das Thema Umwelt. Allein hier gelten über 7.000 Tierarten als gefährdet oder sind akut vom Aussterben bedroht. Aus Deiner Sicht als Biologe: Was kann jeder von uns machen, um ein wenig dazu beizutragen, die Tiere zu retten? Reden wir heute nicht von Plastikmüll, reden wir von unseren Gärten, Balkonen, etc. – Kleinigkeiten, die jeder machen könnte. Bitte schildere uns Deine Sichtweise und schenke uns den einen oder anderen Tipp.

Wer die Möglichkeit eines Gartens hat, der kann seinen Garten tierfreundlich gestalten. Gerade in den Städten, aber auch auf dem Land, lassen sich durch eine entsprechende Gartengestaltung tolle Lebensräume schaffen. Wichtig ist, dass man nur einheimische Sträucher pflanzt. Holunder, Weißdorn, Schlehe sind gut geeignet, eine Brombeerhecke ist schön und nützlich. Alle genannten Pflanzen haben schöne Blüten und bilden entsprechende Früchte aus, die von vielen Vogelarten heiß begehrt sind. Den jährlichen Gehölzschnitt kann man in einer Benjeshecke (Totholzhecke) kompostieren und schafft so gleichzeitig einen Unterschlupf für viele Tierarten. Einheimische Stauden und einjährige Pflanzen bieten eine bunte Blumenwiese für Insekten.

Der akkurate englische Rasen, wie auch großflächige Steinplattenabdeckungen, haben in einem tierfreundlichen Naturgarten nichts zu suchen. Nistmöglichkeiten für Insekten, sogenannte Insektenhotels kann man auch auf dem kleinsten Balkon aufhängen und bei der Balkonbepflanzung kann man auch auf insektenfreundliche Blumen zurückgreifen. Natürlich ist es selbstverständlich – auch zugunsten der eigenen Gesundheit – auf jegliche Schädlingsbekämpfungs- und Unkrautvernichtungsmittel zu verzichten. Ein bisschen Wildwuchs in einer Ecke schadet auch nicht und die sicherlich anwesenden Kleinsäuger freuen sich auch über den strukturreich gewordenen Garten.

Wenn wir von der gesamten Tierwelt ausgehen, ob nun Vögel, Insekten, Fische oder Säuger – welches Tier steht bei Dir noch ganz oben auf dem Wunschzettel? Welches möchtest Du gerne studieren, beobachten und erkunden?

Inzwischen habe ich alle Kontinente bereist. Dabei habe ich bis jetzt knapp mehr als ein Drittel aller Vogelarten weltweit in freier Natur gesehen. Es steht natürlich noch die eine oder andere Wunschart auf der Liste, dennoch denke ich, dass ich schon eine ganz gute Übersicht über die Vögel der Welt bekommen habe. Ein paar Vogelfamilien sind mir so wichtig, da möchte ich gerne noch die mir fehlenden Arten ansehen, um alle Arten weltweit gesehen zu haben, wie z. B. von den Pinguinen, Albatrossen, Alken und Möwen. Aber auch die eine oder andere einmalige Vogelart, wie Schuhschnabel (Uganda) oder Kagu (Neukaledonien), möchte ich noch gerne sehen. Bei den Säugetieren gibt es ebenfalls eine Wunschliste. Hier steht die eine oder andere Katzenart noch drauf. Weiterhin möchte ich gerne zu den Lemuren nach Madagaskar. Zwei Wunscharten stammen dann noch aus einer ganz anderen Gruppe, nämlich der Weißer Hai und der Walhai.

Tiger (Indien)
Tiger (Indien)

Martin, was steht bei Dir in der nächsten Zeit an? Sehen wir Dich mal wieder auf einem Schiff?

Ich habe ein ziemlich volles Programm. Mitte November geht es wieder an Bord und dann erstmal direkt in die Antarktis. Dann folgt eine spannende Reise von Kap zu Kap, von Kapstadt (Südafrika) nach Ushuaia in Argentinien – mit dem Besuch der Antarktis. Anschließend bin ich auf zwei weiteren Antarktisreisen. Im nächsten Frühling fahre ich dann auf dem Amazonas und im Sommer bin ich vier Monate an Bord, vor allem im Nordpazifik, auf einer Route von Japan nach Island.

Lieber Martin, wir danken Dir sehr für dieses Interview. Ein spannender Einblick in Deinen interessanten Job. Begeistere uns weiter mit Deinen Bildern und Berichten der Reisen. Dann möchte ich noch Danke sagen, dass Du Dich in Deinem Job so für die Tierwelt einsetzt. Wünschen wir uns alle, dass das dringende Umdenken in den Köpfen der Regierungschefs stattfindet und nun endlich wirkliche Taten statt Worte folgen.

Alle Fotos © Martin Gottschling wurden uns für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.

Vielleicht auch interessant?

Plankenschnack: Heute mit Marcus Geuss – Marcelini & Oskar