Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt! Folge 10: Weihnachten 2.0 im gefährlichen Brasilien

Schüppy Dezember 2018 / Illustration Boris Noruschat
Schüppy Dezember 2018 / Illustration Boris Noruschat
 

Folge 10: Weihnachten 2.0 im gefährlichen Brasilien

Fürchten sich Amerikaner vor Landgängen?

Alle meine Passagiere und auch die Crewmitglieder sind froh, als ich nach sieben Seetagen endlich in den Hafen von Bridgetown einlaufe. Wie verrückt springen sie von Bord und rennen entweder Richtung Stadt oder besteigen die bereitstehenden Ausflugsbusse.

Natürlich nicht, ohne vorher vor dem Schild „Welcome to Barbados“ zu posieren. Selbst bei ihren Selfies achten sie freundlicherweise darauf, dass ich auch im Hintergrund zu sehen bin. Das freut mich. Die Sonne strahlt vom Himmel und es ist um 9 Uhr schon weit über 20 Grad warm. Beim Frühstück belauschte ich in meinem Restaurant die Gäste. Ich wollte wissen, was sie heute erleben möchten. Von Strandausflug, über Wracktauchen bis zur Inselsafari ist alles zu hören. Mit mir liegen heute hier gleich drei andere Kreuzfahrtschiffe in Bridgetown.
Die sind – wie immer – alle viel größer als ich und von amerikanischen Reedereien. Sie grüßten zwar freundlich, als ich einlief, aus ihren Schornsteinen, aber so richtig komme ich nicht mit ihnen ins Gespräch. Schade. Im Gegensatz zu mir ist auf den Decks der Kolleginnen die Hölle los. Da wird gerutscht, gejohlt, getanzt und gelacht. Ich frage mich, warum die Amerikaner nicht an Land gehen, traue aber nicht eine der anderen Mädels zu fragen. Diese scheinen das gewohnt zu sein, trotz des Lärms dösen sie in der Morgensonne. Obwohl der Hafen von Tobago am nächsten Tag im Vergleich deutlich kleiner ist, beobachte ich auch hier das gleiche Phänomen. Es gibt also Kreuzfahrer, die einmal aufsteigen und das Schiff dann gar nicht mehr
verlassen? Wo ist da der Sinn einer Kreuzfahrt? Meine Weltreisenden sind da anders! Viele nutzen fast immer die komplette Landgangszeit aus und als wir am Abend ablegen wollen, muss mein Kapitän sogar 15 Minuten änger warten, da sich noch Ausflügler bei ihrer Rückkehr verspätet haben. Helga steht aufgebracht an der Gangway und erklärt, dass normalerweise icht gewartet wird. Die Passagiere hetzen an ihr vorbei mit Worten der Entschuldigung. Als endlich alle Mann an Bord sind, wird meine Gangway eingezogen und Helga sagt zu Cornelia: „Keine Sorge, unsere Leute werden auch noch ruhiger. Zu Beginn und zum Ende einer Weltreise ist das immer so.“ Cornelia, noch unerfahren, was Weltreisen angeht, lacht und begibt sich in Richtung Brücke.
 

Nach dem Dschungel deutet sich eine Verlobung an

Nach zwei Seetagen erreiche ich das Amazonas-Delta und schüppere (ha) munter meine Passagiere bis nach Belém. Schon vom Hafen aus kann ich koloniale Bauten in der Stadt entdecken und vor mir haben sich ein paar typisch brasilianische Souvenirhändler mit ihren bunten Sachen aufgebaut, die nun auf meine Passagiere lauern. Diese sind aber alle ganz wild darauf, ihre Ausflüge in den Dschungel zu erleben. Also, ich hätte da Angst. Der Lektor hat gestern Abend Fotos von seinem letzten Aufenthalt am Amazonas gezeigt. Da gab es Riesenschlangen und Piranhas aus nächster Nähe zu bewundern. Gut, keine Schlange wird hier auf dem Kai entlangkriechen und wenn, dann kommt sie niemals an meinem Security-Offizier vorbei. 🙂 Und die Piranhas knabbern sicher auch nicht meine Schiffswand an. Ich fühle mich also sicher, obwohl Belém nicht unbedingt als sichere Stadt gilt. Aber. Wie durch ein Wunder kommen alle Passagiere
heil und unversehrt zurück und wir machen uns auf den weiten Weg nach Recife. Es werden drei lange Seetage. Das sind hier Entfernungen in Südamerika, dagegen ist unser Europa fast klein. An einem der Seetage erlebe ich eine schöne Episode, die sich in meinem Juweliergeschäft abspielt. Eins meiner Weltreisendenpaare, sie sind so um die fünfzig Jahre alt, kommt aus Hamburg. Die beiden leben seit zwanzig Jahren zusammen, sind aber unverheiratet. Nun hat er beschlossen, am Heiligen Abend vor der Kulisse von Rio seiner Lebensgefährtin einen Heiratsantrag zu machen. Die nette Boutique-Mitarbeiterin berät ihn bei der Auswahl des Verlobungsrings perfekt und er entscheidet sich für einen Edelstahlring mit
einem blauen Swarowski-Stein, der so blau schimmert wie das Meer. Der Clou ist, dass rechts und links von dem Stein die Umrisse von mir, der MS Schüppy, eingraviert sind. Da kann ja die Frau nur „ja, natürlich“, schreien, oder? Das wird ein aufregender und romantischer 24. Dezember, da bin ich mir schon heute sicher!

 

Der Diebstahl im Hafen von Recife

Pünktlich am Morgen mache ich im Hafen von Recife fest. Ich sehe lange Sandstrände und viele Hochhäuser, die in der Morgensonne glitzern. Mein Kapitän und seine Erste Offizierin unterhalten sich über die neuesten Kriminalitätsstatistiken der Stadt. Mir wird ganz anders. Meine armen Passagiere! „Raubüberfälle sind hier an der Tagesordnung und gehen Sie bloß nicht in Nebenstraßen“, rät der Kapitän Cornelia. Sie schüttelt mit dem Kopf und meint: „Ich habe Dienst, Sie haben frei. Schon vergessen?“ Da grinst mein Kapitän und antwortet: „Stimmt, ja. Mal sehen, wenn ich rausgehe, dann fahre ich vielleicht nach Olinda, da ist es sehr schön.“ Meine Passagiere haben alle brav geführte Ausflüge über die Reederei gebucht und so hoffe ich auf wenig unangenehme Zwischenfälle. Es geht auch alles gut, bis am Nachmittag der angehende Verlobte unangemeldet auf der Brücke aufkreuzt. Helga, meine Chefhostess, hat ihn im Schlepp. Cornelia schreckt auf, sie hatte sich gerade mit den nautischen Gegebenheiten des Hafens von Rio de Janeiro vertraut gemacht. Sie steht auf und der Mann sprudelt los: „Ich bin bestohlen worden, da müssen Sie als Schiffsleitung sofort tätig werden.“ „Wo denn genau in der Stadt?“, will die Offizierin wissen. „Nicht in Recife, hier an Bord“, versucht Helga zu helfen. Der Passagier berichtet von dem gestrigen Ringkauf beim Bordjuwelier. Er hätte ihn dann in seiner Nachttischschublade unter den Socken versteckt. Heute Morgen wäre er noch da gewesen und nach der Rückkehr vom Ausflug, der Stadt-rundfahrt, war er weg gewesen! „Ich habe eben die ganze Kabine mit unserem Gast abgesucht, der Ring ist unauffindbar“, wirft Helga hilflos ein. „Mein Zimmersteward, der John, war es nicht, der ist eine Seele von Mensch“, brüllt der Mann unvermittelt los. Cornelia legt ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter und versichert, sie werde sich um die Angelegenheit persönlich kümmern, dann bugsiert sie ihn mitsamt Helga hinaus. „Wie willst du das denn jetzt lösen?“, fragt der Zweite Offizier, der ein wenig in Cornelia verliebt ist. „Weiß ich noch nicht“, grinst sie verschmitzt, aber auf ihrer Stirn ist deutlich eine große Sorgenfalte zu sehen.
 

Endlich in Rio, aber geträumt wird vom Michel!

 
Mit oder ohne Ring, wir fahren weiter. Unser Ziel ist der Hafen von Rio de Janeiro am Heiligen Abend! Der Anlauf ist für 19:30 Uhr geplant, passend zum Sonnenuntergang hinter dem Zuckerhut. Solche Details sind meiner Reederei sehr wichtig. Das Dumme ist, dass der Ring nicht wiederaufgetaucht ist. Der Kapitän musste Zimmersteward John wohl oder übel verhören, doch der schwor auf das Leben seiner Mutter in den Philippinen, dass er keine Schubladen seiner Gäste in den Kabinen öffnen würde. Auch ist alles ein Riesentheater, weil der Passagier darauf besteht, dass seine zukünftige Frau von alldem nichts mitkriegen soll, denn er möchte sie nach wie vor überraschen. Auf Anraten meines Kapitäns will er den Antrag nun ohne Ring durchführen und sie dann dazu informieren. Wir erreichen schließlich Rio und meinen Passagieren verschlägt es beim Anblick des Zuckerhutes, hinter dem gerade die Sonne untergeht, die Sprache. Auf die Christusstatue fällt noch ein letzter Strahl, dann ist auch sie ins Dunkel getaucht. Am Heck steht mein Passagier und hat gerade zwei Gläser Champagner bestellt. Als sie kommen, geht er vor seiner Freundin auf die Knie. Die Frau trägt ein schickes, schwarzes Abendkleid mit einer silberfarbenen Stola. Sie bedeutet ihm kurz zu warten, dreht sich um und kramt in ihrer Handtasche. Schließlich wendet sie sich wieder um und streckt ihm ihre rechte Hand entgegen. Er schnappt nach Luft. An ihrem Ringfinger schimmert unverkennbar der blaue Swarowski-Edelstein. Sie bedeutet ihm, aufzustehen. Zögernd erhebt er sich. „Du wirst diese Frage jetzt nicht stellen“, sagt sie sehr bestimmt. „Ich betrachte diesen Ring als eine einzigartige Erinnerung an unsere Weltreise und, wenn du es möchtest, als Freundschaftsring.“ Der Mann guckt traurig. Sie streicht ihm sanft über die Wange. „Ich warte seit Jahren darauf, Schatz, aber ich habe immer von einem Antrag zu Hause in Hamburg geträumt, auf dem Michel.“ Er strahlt und sie küssen sich zärtlich. Ihm wird klar, dass er noch einen Ring kaufen muss. Es wird ein Weihnachten 2.0 nach der Weltreise geben.
Aus meinem Bordlautsprecher ertönen die ersten Klänge des Liedes „Alle Jahre wieder“. Viele Passagiere auf den Außendecks singen den bekannten Text leise mit. Ich fühle, dass das Christuskind heute auch auf mir eingekehrt ist und mich auf meinen Wegen anscheinend begleitet. Ich finde Menschen überaus interessant und bin gespannt, was ich auf der weiteren Reise noch von ihnen erfahren und auch lernen kann. Nach den Weihnachtstagen in Rio geht es um Südamerika herum!
 
 

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Brina Stein

Brina Stein

Brina Stein - Kreuzfahrtautorin - ist seit über 16 Jahren auf den Meeren dieser Welt unterwegs. 2012 verband sie das Reisen mit dem Schreiben und ist seitdem auch als Autorin auf dem maritimem Büchermarkt zu finden. Brina lebt im Taunus, ist aber auch häufig in ihrem Heimathafen Travemünde anzutreffen, im dem sie aufgewachsen ist.
Brina Stein